Nun bin ich vier Etappen – von Berlin bis zur Jugendherberge Neschwitz (die allein wegen der sehr netten Herbergseltern empfehlenswert ist!) zurückgelegt und auch immer fleißig gebloggt. Und mit dem Zieleinlauf in Dresden soll diese Serie der Selbstdisziplin zuende sein?
Sie war es! Nach einer abwechslungsreichen, wirklich tollen Schlussetappe, in der sich Winter und Sonne in schönstem Wechselspiel ein Stelldichein gaben, erreichte ich in einer Gruppe von ca. 8 (das Feld zieht sich etwas am Elbufer) Wackeren “Elbflorenz”.
So schön, so eindrucksvoll hatte ich Dresden gar nicht in Erinnerung, aber wahrscheinlich ist es das Wahrwerden der inneren Vision fünfer schweißgetränkter und teils schmerzerfüllter Tage, quasi das Erscheinen der Farben in den Umrissen der Vorahnung, die diesen Moment so schön macht.
Dabei hatte sich die Etappe ganz schlimm angelassen für mich. Nebel, Windstille (daher viel zu warm angezogen) und kaugummiartige Kilometer mit schmerzenden Knien. Bis Km 16 wagte ich nicht zu hoffen, ich käme an, bis 30 – einen verharschten Anstieg und die Querung einer Wildbrücke weiter – glaubte ich nicht daran!
Doch der Himmel hatte dich gelichtet. Jörg, der nur Teile verschiedener Etappen lief, stürmte voran, und so fanden wir uns unversehens im Feld aller Starter – der vor uns gestarteten “Langsamen” und der “schnellen Hirsche” aus der 6er-Gruppe wieder.
Nur noch 29K “to go”, nun wieder mit der Sicherheit, mich ggf. zurückfallen lassen zu können, lief ich irgendwie ganz befreit auf.
Großröhrsdorf raus, Kleinröhrsdorf rein, dann Radeberg, ein malerisches Städtchen mit sichtbaren Schönheitsfehlern. Hier schließe ich mich – Kopfsteinpflaster und Hügeln zum Trotz – der 6er- Gruppe an. Ein genialer Husarenritt auf einem “Urban Trail”, wie ich ihn mir schöner nicht vorstellen kann. Zwei Becher Cola und trotzdem völlige Erschöpfung am nächsten Verpflegungspunkt sind der Preis.
“Nur noch” 16 Kilometer? “Oh mein Gott”, denke ich, und komme trotz morastigen Untergrunds, den ich eigentlich immer schätze, nur schwer in Tritt. Doch die Passage wird und bleibt trailig, sie ist für mich die läuferisch schönste des ganzen Laufs. Allerdings zieht sie sich auch so, dass ich beginne, öffentlich über das Gerücht zu fantasieren, Dresden sei nur ein Gerücht ;-)
Ist es aber nicht, sondern es taucht links neben dem Wald in Form von Plattenbauten auf. Samt “VPs”, wobei ich langsam so kaputt und sehnsüchtig nach Ankommen bin, dass ich die Überlegung, ob ich Nüsse, Gummibärchen oder etwas anderes in mich hineinstopfen soll, irgendwie als Zumutung empfinde. Ein kleines Stelldichein ist es dafür mit einigen der ausgestiegenen Läufer.
Ja, und dann geht es los, immer weiter bergab, durch die “Platte”, durch ein Villenviertel, ans rechte Elbufer, wo mir die zahlreichen Spaziergänger surreal und die an uns vorbeihuschenden Jogger unerreichbar schnell vorkommen. Gleich wird es geschafft sein.
An der Albertsbrücke überqueren wir die Elbe – schnell noch ein Foto der Frauenkirche aus der Ferne -, kämpfen ein kleines Bisschen mit Autoverkehr und -abgasen. Dann beginnt der malerische Teil: Foto mit August dem Starken(?), wo eine Verkäuferin von Stadtrundfahrten per Kutsche uns zu einer solchen rät, entlang der Galerie, um die Frauenkirche herum und Foto mit Martin Luther. Hier empfängt uns auch August der Starke in Person mit seinem Hofstaat. Gemeinsam werden wir zum Fotomotiv für Touristen, wobei die Historientruppe das authentische Aussehen beisteuert – und wir wohl dem Gestank ;-)
Noch zwei unspektakuläre Kilometer bis zur Jugendherberge, dem Ziel. Ich detektiere eine Straßenbahnhaltestelle, wo ich auf dem Kirchentag sehr leckeres Eis erworben hatte. Die Freiheit hätt ich mir auch jetzt genommen, nur leider war die entsprechende Bude nicht geöffnet. Und so heißt es: noch ein bisschen quälen.
Mit letzter Kraft erreiche ich in der Gruppe die Jugendherberge, das Abschlussfoto auf der Treppe wird mir vor Entkräftung fast unerträglich, das Duschen und Umziehen wird eine knappe Stunde dauern…
Seither sind fast zwei Tage vergangen. Tage, in denen ich Wäsche gewaschen und mich zum Arbeiten gezwungen habe. Das alles eingerahmt von Phasen eines schon fast komatösen Schlafes.
Ob ich nochmal einen Etappenlauf mache? Erst die Knie, dann mal gucken!


Mit wenig erfreulichem Wetter – trübe und Wind gefühlt immer von vorn – war die dritte Etappe doch erfreulicher, als der gestrige Krankheitsanfall erwarten ließ. Bis 20K (wir reden hier vom zweiten VP) ging’s mir besch…, weil noch so viel vor uns lag, an 30, weil ich schon so viel “Gelaufe” hinter mir hatte. Doch man zieht sich raus, mit mentalen Zwischenzielen wie dem “Bergfest” mitten in der Pampa einer asphaltierten, pappelgesäumten Allee oder der psychedelischen Verklärung langer Geraden auf den niedrigen, hier verbreiteten Deichen entlang.
Zu sehen gab es, nun ja: Moore (sehr beruhigend für Geist und Körper), aufgescheuchte Rinderherden (hinterm Zaun ok), ausgestorbene Örtchen, die die letzten Einheimischen gerade mit dem einmal täglich verkehrenden Bus verlassen und die Schinkel-Kirche in Straupnitz von Weitem.
Cottbus ist erwartungsgemäß nicht der Rede wert. Die Stadtquerung im vergleichsweisen “Affentempo”, Waschbetonplatten unten, Konsumtempel seitlich und dabei entlang der Karl-Marx-Straße entlang die gesamte Ahnenreihe kommunistischer Würdenträger entlang die Karl-Liebknecht-Straße suchend, wird aber wohl trotzdem im Gedächtnis bleiben.


Heute hatte ich einen echt “gemischten” Tag. Als “Guide” der 6:00-Minuten-Gruppe gestartet, musste ich diese bei Km 31 ziehen lassen. Meine seit Tagen im Anmarsch befindliche Halsentzündung hatte die Oberhand gewonnen, was sich – zum üblichen Einbruch bei dieser Kilometerzahl hinzu – im stetigen Wechsel zwischen aufsteigender Hitze und durchdringendem Kältegefühl äußerte. Nicht ganz unpassend dazu, hatten wir zuvor bereits die Ortschaft Halde mit den dazugehörigen Kiefernwäldern gequert, den Schauplatz einer der letzten und wirklich blutigen Schlachten des 2. Weltkriegs. Und ich bin mir sicher, nicht fantasiert zu haben, als vor einem “PP”-Baum die metallene Hülse einer Handgranate aus Sand und Kiefernnadeln halb hervorragte.
Da waren wir bereits auf dem Weg zu den Krausnicker Bergen: nicht hoch und kaum steil, eigentlich ein Terrain für Wurzelhopser wie mich, aber nicht ganz gesund, ist man einfach nicht auf der Höhe für derartige Späße.
Am VP 3 zögere ich. Nicht, ob ich die 6er-Gruppe ziehen lassen soll, sondern ob ich überhaupt noch in eine einsteigen soll.
Ich probier’s schließlich mit den bald nachfolgenden 6:30ern. Eine Asphaltstraße, entlang der wir im Gänsemarsch entlang laufen, scheint mir den Rest zu geben. Was mir Mut (und sogar ein bisschen Lust) macht, ist die baldige Einkehr in einem
Brauhaus – bei strahlendem Sonnenschein übrigens.
Allerdings macht Schwarzbier nicht fit, sondern verursacht bei mir vor allem, dass sich alles dreht. Das Antraben fällt mir auch schwer, aber die weite Sicht auf die Teiche – teilweise noch eisbedeckt – und die Chance, direkt am Ufer auf einem leichten Trail zu laufen, locken meine Lebensgeister zurück.
War das nun wirklich so kurz? Auf jeden Fall schmeckt die Suppe am nun erreichten VP 4 hervorragend, und ich entdecke Käse als Laufnahrung für mich, bevor es weiter geht: Karpfenteich rechts, Karpfenteich links, und langsam machen die Beigetöne einem auf mich immer sehr beruhigend wirkenden grau Platz. Nette Unterhaltungen, das lockere Tempo und eine ebensolche Atmosphäre in der Gruppe machen, dass ich immer wieder antraben kann, und nun glaube, das Ziel aus eigener Kraft zu erreichen. Rechts von uns die Spree, dahinter kommt bereits der Barocke Kirchturm von Lübben in Sicht.
In dem Ort, den wir über eine hölzerne Fußgängerbrücke erreichen, ist von verwunschen über malerisch bis trubelig alles dabei. Wir durchqueren ihn, anderthalb Kilometer auf einem niedrigen Deich, und die Jugendherberge kommt in Sicht. Ich bin also da. Angekommen – und die Nähe zum Kanal macht Lust, nach den Strapazen noch ein paar Geländeerkundungsschritte zu gehen.
Vor allem aber hoffe ich, morgen gesünder und damit lauffähig zu sein.




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