Notbremse!

15Nov09

Es war eine denkwürdige Ausfahrt mit meinem Crossrad heute. Das Wetter war für Mitte November ungewöhnlich warm, und die tiefstehende Sonne schien rotgold durch die fast entblätterten Birken, die die Radwege nördlich von Braunschweig säumen.

Sportlich war das Ganze unspektakulär: knappe 60 Kilometer auf flachem Terrain und in ruhigerem Tempo, dazwischen zwei physische Notbremsen, einmal, weil ich von der Polizei angeblökt wurde (von wegen Radweg benutzen…), ein anderes Mal, weil ein eben solcher mit der üblichen Macke aufwartete, zuerst an einer hohen, dichten Hecke eine Kurve mit dem gefühlten Radius von 70 Zentimetern zu machen, um dann an einer unabgesenkten Bordsteinkante mitten in der Pampa zu enden…

Nach dem vielen Training und meiner relativen Zurückhaltung in Sportangelegenheiten vergangene Woche fiel mir das Fahren leichter, als ich es von meinen Trips zur Arbeit in Erinnerung hatte. Wäre es nur um das leise Bedürfnis gegangen, gelegentlich einen Gang runterzuschalten und die paar Anstiege (über Kanalbrücken) zügig, aber nicht explosiv zu fahren, ich hätte es einfach auf die Blutspendeaktion vom Donnerstag schieben können.

Aber da war etwas anderes, ein dumpfes Gefühl in der Brust, das sich im Angesicht der goldenen Wintersonne im Südosten über abgeernteten Feldern und mit der Aussicht auf ein gemütliches Mittagessen bei Oma zu einem Kloß im Hals empordrängte. Sicher, nach zweieinhalb Stunden im Sattel würde ich mich wacher und irgendwie auch wohler fühlen. Ich verlor rein gar nichts gegenüber der einzig denkbaren Alternative, mich noch einmal im Bett umzudrehen, und ich bekam die Natur und die Schönheit der Jahreszeit mit einer Intensität zu spüren, wie sie ohne dieses kleine Zugeständnis an Anstrengung und Entbehrung wohl nicht zu haben ist.

Dennoch: es war nicht in erster Linie mein Körper, der müde war (auch wenn die Kniegeschichte wohl weiterer Beobachtung bedürfen wird). Es sind

  • mein Kopf, der nach anderem dürstet und
  • meine Seele, die Ausgleich nicht ausschließlich in körperlicher Verausgabung finden kann

die mich zur Vernunft rufen.

Und so war es ein Aus“ritt“ im Genusstempo, der mir vieles klar vor Augen führte, weil es in dieser sonntagmorgendlichen Bewegungseinsamkeit über mich kam:

  • Laufen (und Sport) ist nicht alles
  • ich muss mir nichts beweisen – schon gar nicht sofort
  • andere Aufgaben warten auf mich
  • andere Interessen wollen gepflegt werden
  • mein Körper braucht eine Pause und
  • meine Freunde haben es verdient, dass ich wieder mehr Zeit mit ihnen verbringe.

Vor allem aber:

  • dies ist die Gelegenheit, alte Fehler nicht zu wiederholen
  • ich kürze mein Laufprogramm auf ein vernünftig-realistisches Maß und
  • verschiebe das 100-Meilen-Debüt.

Für mein Bloggen heißt das erstmal gar nichts; außer dass ich – wie angekündigt – mehr von und über andere Interessen berichten werde.

 



12 Responses to “Notbremse!”  

  1. 1 Anett

    Oha…ich hatte solcherlei Gedanken schon öfter….und je mehr Zeit ins Land geht um so mehr begreife ich: Tempo ist nicht alles, Bestzeiten auch nicht, eine Tafel Schokolade schmeckt immer. Ich mag nicht auf so Vieles nur wegen dem Laufen verzichten. Ich möchte auch nicht mehr mit aller Macht schneller werden oder unbedingt 5 Marathons im Jahr laufen. Ich möchte mit meinen Freunden Spaß haben beim Laufen, ab und an mal Tempo…mehr nicht.

  2. 2 Christiane

    @Anett:
    Glaub’ mir, ich schlage mich auch nicht zum ersten Mal damit rum. Das heißt aber nicht, dass ich für immer das Laufen runterschraube. Nur für den Moment. Irgendwann kommt die Lust wahrscheinlich wieder 8-)

  3. 3 Thorsten

    Respekt zu deiner Entscheidung. Ich denke, du machst es genau richtig. Freue mich schon auf deine „neuen“ Artikel. Und nun mußt du auch keine Angst haben, dass es (100 Meilen) jemand deiner Mutter sagt.

    Gruß
    Thorsten

  4. 4 Christiane

    @Thorsten:
    Naja, so einfach lassen „die“ einen nicht ziehen. Wusstest du, dass die Ultraszene mafiaähnlich organisiert ist ;-)

  5. 5 Hannes

    Christiane – Respekt für diesen mutigen Schritt, denn es ist ganz sicher nicht einfach, von einem kürzlich gesteckten Ziel wieder zurück zu schreiten. Ich finde es aber nur löblich. So etwas hat Zeit und wenn der Körper derzeit deutliche Signale gibt (oder der Kopf), sollte man darauf hören.

  6. 6 Gerd

    Wow, hätte ich so nicht erwartet.
    Freut mich aber ungemein.
    So eine kreative Laufreduzierung, von mehr wollen wir ja gar nicht sprechen, wirkt bestimmt Wunder. Genieße die Zeit. ;-)
    Und dann kannst Du deine Ziele immer noch angehen. Dann aber definitiv mit mehr Gelassenheit!

  7. 7 Evchen

    Hui, ich dachte auch ehrlich Du bist so durch und durch Ehrgeiztierchen. Daß Du (für uns Blogger zumindest) anscheinend die Bremse ziehst, bevor Du Schwierigkeiten hast, finde ich klasse. Das rückt mein Bild von Dir nochmal ein Quäntchen woanders hin. Ich freu mich auch auf Deine „anderen“ Berichte. :-)

    Boah, das war jetzt alles ganz schön nett oder? *kopfkratz*

  8. @Evchen:
    Ja, wieder was vom mühsam aufgebauten Ruf verspielt!

    @Gerd:
    Auch mein Körper hat keine unendlichen Kapazitäten, auch wenn er mir ab und zu diese Illusion gönnt. Ich denke, so ist es für alle besser ;-)

  9. 9 Ralph

    Klasse Entscheidung :-) Selbst „Profis“ nehmen ihre Auszeit! Ich wünsche Dir viel spaß in Deiner Sportpause.

  10. 10 Marco

    Eine tolle Entscheidung von dir.
    Hutab zu diesen Schritt. Das 100 Meilen Debüt könnten wir doch 2010 Gemeinsam in Angriff nehmen. Was meinst du?

    Ehrlich gesagt kann ich mir Silvester bzw. Neujahr auch was besseres Vorstellen als durch dei Gegend zu laufen. Unsereins wäre NIE im Leben vor 24:00 Uhr am 31.12. im Ziel gewesen. Das hätte meine Frau mir übel genommen.

    Ich hoffe und wünsche Dir ein Tolles Silvester mt deinen Freunden und der Familie.

    Wir hören, sehen und schreiben uns

    LG
    Marco

  11. @Ralph, Marco:
    Schön, dass ihr ein Einsehen mit mir habt. Aber wer ist denn bitteschön „unsereiner“, der 18 Stunden nicht geschafft hätte. Also ich würde das allen Ernstes anpeilen!!

  12. 12 Bernd

    Für mich ist Laufen und Sport ebenfalls nicht alles. Beim Laufen gibt es bei mir keine langen Strecken und kein gezieltes Training auf Tempo. Es ist einfach nur Laufen des Laufens willens.

    Das Laufen steht bei mir nach dem Radfahren an zweiter Stelle. Mit dem Rad bin ich immer im Genusstempo unterwegs. Ich besitze kein Rennrad und habe auch nicht vor mir eines anzuschaffen, es gibt bei mir auf dem Rad ebenfalls kein Tempo-Training. Aber auch ich kenne solche Wege die abrupt enden. Die Polizei hat mich allerdings noch nie angehalten.

    Ich finde daher Deine Entscheidung einfach richtig gut.


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