“Aus betrieblichen Gründen…”

07Jan10

… schließt die Kantine an “meinem” Unistandort ab sofort wieder um 14:30 Uhr. Das erinnert doch stark an die Bahn, bei der ja “Störungen im Betriebsablauf” gerade bei der derzeitigen Wetterlage mehr die Regel als die Ausnahme zu sein scheinen. Denn tatsächlih hat wohl mal wieder ein findiger Studentenwerks-Bürokrat die Stundenzahl der armen Saisonkraft vor Ort auf irgendeinen mathematisch passigen Wert gekürzt.

Womit wir bei meinem eigentlichen Thema sind: der Macht der Sprache. Sie prägt nicht nur unsere Wahrnehmung der dinglichen Welt. Geschickt eingesetzt lässt sich mit ihr auch lenken, wie wir die Entscheidungen von Personen, Unternehmen und sonstigen Institutionen wahrnehmen. Das Geheimnis heißt “Umformulierung”, je nach Erkenntnisinteresse und Analyseeinheit auch “Paraphrase” oder “intralinguale (=innerhalb ein und derselben Sprache) Übersetzung genannt. So steckt hinter dem Verweis auf Betriebliches meist eine unpopuläre Entscheidung oder Fehlorganisation – deren Urheber sich selbstverständlich nicht zu erkennen geben möchte. Denn bei “Unser Hauptabteilungsleiter Müller hat hier eine Stelle zusammengestrichen.” würde sofort klar machen, dass es sich hier nicht einfach um den Gang der Welt, sondern um eine menschliche (Fehl-)Entscheidung handelt. Wobei ich mir die Wut auf den “verantwortlichen Vorstand, der über Jahre nicht fähig war, den Ausbau des Schienennetzes voranzutreiben, moderne Triebwagen anzuschaffen und ausreichend qualifiziertes Personal einzustellen” lieber gar nicht erst vorstelle.

Wer um die Macht solcher Paraphrasierungen und ihr Potenzial weiß, die wahren Verantwortlichkeiten und Motive des Urhebers einer Kommunikation zu verschleiern, der stößt überall auf sie. Um die Ehre der Branche zu retten, muss ich sagen, dass es auch komplexere und gleichzeitig freundlichere Fälle gibt, in denen ein Unternehmen meine Befürchtung vorausahnt, beim Übergang zu einem Mobilfunkvertrag mit ihm selbst die Kündigung beim Vor-Anbieter zu vergessen – und mir entsprechend einen “Erinnerungsservice” per E-Mail anbietet. Doch auch hier gilt, dass mit der so “abonnierten” E-Mail das Verbot kalter Akquise umgangen werden kann; und wenn ich dieses Mal nicht wechsle, so ruft sich die Marke mit einer enstprechend gelayouteten E-Mail zumindest noch einmal ins Gedächtnis.

Perfider ist das schon die Bank, die mir – im Huckepack mit Korrespondenz von einem Verein, in den ich Mitglied bin – “sofort und zu günstigen Konditionen” einen Kredit anbietet. Im fiktiven Negativ-Beispiel “entfällt die Bonitätsprüfung” noch dazu. Aber wer definiert hier überhaupt ‘günstig’? Wo ist das Problem mit der ‘Bonitätsprüfung’ (ein seriöser Kreditgeber sollte ein genuines Interesse daran haben, dass ich bis zum Ende der Tilgung zahlungsfähig bleibe, und mir als potenziell nicht-zahlungsfähigen gar kein Geld leihen)? Und nicht zuletzt: Ich brauche doch überhaupt keinen Kredit!

Da nimmt es sich noch harmlos aus, dass mir im Internet alle möglichen “Plattformen” anbieten, mich zu registrieren, um bequemer dies, das oder jenes erledigen zu könnnen. Die Sammlung gewisser Daten ist dazu natürlich – wie immer bei der Nutzung elektronischer Medien – technisch zwingend notwendig. Allerdings gilt auch hier, dass die schwärzesten Schafe sicherlich nicht davor zurückschrecken, eventuell angegebene Kontodaten zu missbrauchen. Und selbst bei den nicht so schwarzen stellt sich die Frage, ob es sich wirklich um “meine Bequemlichkeit” oder “deren kostenlosen Zugang zu hochdifferenzierten Datenprofilen” geht.

Deshalb ist es nicht nur karikaturistisch-humorig, sondern auch sehr nützlich, sie ab und zu durchzuführen: Die Paraphrase all der Botschaften, die uns so täglich in die Sinnesorgane dringen!

Bild: memephoto/pixelio.de

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5 Responses to ““Aus betrieblichen Gründen…””

  1. 1 georg

    Interessanterweise werden “betrieblich” immer nur negative Botschaften begründet, nie positive (“Aus betrieblichen Gründen haben wir uns entschlossen, die Öffnungszeiten für Sie zu verlängern”).

    Warum ist das eigentlich so, was sagt die Sprachforschung?

  2. @Georg:
    Ganz einfach: “Aus betrieblichen Gründen” ist eine Floskel, hinter der man sich versteckt, wenn man mit etwas nicht (unmittelbar) in Verbindung gebracht werden sill. Wenn man etwas Positives tut, benötigt man sie also nicht. Dann sagt man eher “haben wir für SIe…”. teilweise mit den von mir im Post geschilderten Hintergedanken.

  3. 3 Indy

    Wieso Sprachforschung?
    Ist doch klar: die Schelte für Fehler mag doch niemand personifiziert erhalten.
    außerdem ist die Zuweisung der Schuld das Problem: wenn jemand vor x jahren die falsche Entscheidung getroffen hat, ist die Frage, ob die Folge, die erst heute eintritt, noch so direkt mit der damaligen Entscheidung verknüpft werden kann.
    Lob dagegen wird direkt konsumiert – wenn man Pech hat allerdings von jemanden, der in der Nahrungskette höher steht und im Zweifel nichts mit der guten idee zu tun hat (oder schlimmstenfalls entgegen gewirkt hat)

    @Chrizzy: Du hast auch noch eine Formulierung vergessen, die ich auch immer sehr nett finde “Wir danken für Ihr Verständnis” – wobei ich in den seltensten Fällen Verständnis für teilweise tölpelhaftes Fehlverhalten aufbringen kann…

    Und zu deiner Kreditgeschichte: lass Dir mal gesagt sein, dass es da ne Boniprüfung gibt – da gibt es zig Auskunfteien und standardisierte Verfahren, die dich da schon korrekt einpreisen – mal ganz davon abgesehen, dass Du in dem Zinssatz einen nicht geringen Anteil an Risikokosten bezahlt…wenn Dir nun einer einen “günstigen ” Zinssatz von 4% bieten würde, würde die “fehlende Bonitätsprüfung” schon mal einen Aufschlag bedeuten – sagen wir mal 0,5% – bei nem 10 Jahres-Darlehen kann man derzeit mit einer Refinanzierung von nicht mal 3% rechnen…dazu kommt, dass es meist um kleinstbeträge wie 5.000 Euro geht (für Banken kleinst) – da stecken ein paar Euro Risiko nur hinter – das rechnet sich, keine Sorge ;-)

  4. 4 Christiane

    @Indy:
    Bzgl. der Kredite, das ist mir schon klar. Ich habe es ja auhc nur als Beispiel für eine Kommunikation verwendet, die Vorteile anpreist, die eigentlich nicht gegeben sind. Und ja: Es ging um max. 5000 Euro ;-)

  5. 5 Indy

    Man kennt ja die eigenwilligen Methoden des Bankhauses aus den USA ;-)
    Erst arme Leute mit rieisgen Kontokorrentlinien ins Haus locken, die in keinster Weise mit den Einkünften zusammenpassen und die dann kündigen und das ganze als Darlehen umschichten…feinfein…


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