Tansania-Bergtouren (9)

14Apr14

KRAWUMM!!!!!!!!!

“Hilfeeee, Hilfeee, die Welt geht unter”, das ist mein erster Gedanke, als ich aus dem Tiefschlaf hochschrecke. Vor einer knappen Stunden wurden wir schon einmal geweckt, allerdings durch die sanften Rufe unserer Mannschaft, die sich um eine Stunde “verfrüht” hatte (Christine Nöstlinger nennt es in “Luky live” ‘nach vorne hin unpünktlich’ ;-)). Dann (laut zu Thomas): “bei dem Wetter gehe ich nicht los zum Gipfel”.

KRAWUMM!!!!!!!!! Blitz dringt durch Zeltplane, Schlafsack und Augenlider KRAWUMM!!!!!!!!! “Wird es mit dem Gipfel jetzt doch nichts werden?” Dabei war ich am Vorabend so sicher gewesen, wie bei einem Marathon oder Ultra, wo (in guten Fällen) auch irgendwann der Punkt kommt, an dem ich weiß: es geht nichts mehr schief.

Das Unwetter tobt. Zwischen zwei Donnerschlägen und über das Geheul des Windes hinweg schaffen wir es, Thomas und Holger im anderen Zelt von unserem Nichtaufbruchswillen in Kenntnis zu setzen. Zur Gegenrede besteht keine Möglichkeit, aber auch kein Bedarf. Auch die Mannschaft ist schnell überzeugt, bei diesem Wetter-Ungeheuer nicht länger draußen sein zu müssen.

Nach zwanzig Minuten scheint der Spuk zunächst vorbKRAWUMM!!!!!!!!! Blitz KRAWUMM!!!!!!!!! Meine Hoffnungen auf den Gipfel sinken in ungeahnte Tiefen. Dann klärt es auf. Auf unserem Zelt liegen 20 Zentimenter Neuschnee, als wir um 1 Uhr, voll bekleidet und mit Stirnlampen, herauskriechen. Noch schnell ein heißer Tee mit viel Zucker hinter die Binde gekippt, dann beginnt der Aufstieg.

Im Neuschnee scheint sich besser zu gehen als auf dem rohen Stein. Ich mache zunächst die zweite Frau und gehe hinter dem Guide. Wir passieren die Platten, die ich glücklicherweise schon kennen, und nehmenm das darüber liegende vorgeschobene Basislager schon gar nicht mehr zur Kenntnis.

Es ist einfach nur dunkel, kleine, schneidende Schneeflocken wehen mir von rechts ins Gesicht und ich schaffe es nicht, mit den dicken Fäustlingen mein Schlauchtuch so weit hochzuziehen, dass dies verhindert wird. Schritt um Schritt, Stockhub um Stockhub geht unsere kleine Gruppe voran. Ab und zu bremse ich hier noch den Guide, was allerdings mehr aus Vorsicht geschieht, denn aus echter Not. Mir geht es überhaupt nicht schlecht, ich will nur keine Zeichen von Anstrengung spüren!

Einfach nur dunkel: Pause beim Gipfelaufstieg

Einfach nur dunkel: Pause beim Gipfelaufstieg, Foto: TS

Steil ist es schon an einigen Stellen, und man muss auch die Beine einigermaßen anheben, um auf vereinzelte Platten hinauf und zwischen Brocken hindurch zu kommen. Zum einzigen Mal bereue ich, dass weder ich noch die gesamte Mannschaft mit Trinkschläuchen ausgestattet ist, denn die eine Trinkpause, die wir dann wohl oder übel nach ca. 400 Höhenmetern einlegen, bringt meine Zehen zum Abfrieren und den Rest meines Körpers so weit außer Wallung, wie er wohl noch nie war.

Kurz davor oder danach gebe ich die “Führung” ab. Zwei von uns müssen “hinter den Fels” und ich bin wohl – soweit sich das im Dunkel, Nebel und Schneetreiben abschätzen lässt – auch nicht die momentan am wenigsten Belastbare. Um uns herum ist es in meiner Erinnerung still. Vielleicht liegt es daran, dass ich auf jeden Schritt atme bzw. schnaube (soll trainierte Sportler vor Höhenkrankheit bewahren). Dazu kommt noch das helle “Klack, Klack, Klack” der Stöcke auf gefrorenem Grund.

Lichter sehen wir aber sehr wohl. Die meisten davon sind vor uns (es sind doch tatsächlich fast alle anderen Gruppen bei dem Getöse der Mitternachtsstunde losgegangen!) und werden im Verlauf des steiler werdenden Hanges überholt. Ich beneide kaum jemanden von diesen Leuten. Hier oben kann man sehen, was mangelnde Akklimatisierung und fehlende Fitness gemeinsam anrichten können. Selbst halte ich mich weiterhin recht strikt an den “schnellen” Atemrhythmus. Außerdem beschäftigt mich eine einzige Frage: “Wo ist das Problem?” Denn in allen, wirklich allen kommerziell vertriebenen Berichten über diese Tour wird die Gipfelnacht als derart furchtbar und der Anstieg als schrecklich überwältigend beschrieben. Ich freue mich dagegen einfach, hier unterwegs zu sein und bin gewiss, dass ich es mit der Taktik “rechter Fuß, linker Fuß” schon schaffen werde.

Dämmert es da leicht am Horizont? Nein, noch ist es ein roter Reflektor, der angestrahlt von dahinter getragenen Stirnlampen von einer über uns dahinziehenden Gruppe reflektiert. Durch kurze Rücksprachen mit Holger, der als Einziger von uns einen Höhenmesser trägt, weiß ich, dass wir längst über 5500 Meter hinaus sind. Und auf einmal kauern sich alle links an Felsen. Stella Point ist erreicht, für die, die es nicht weiter schaffen, gibt es auf der Urkunde ein Häkchen für diesen Punkt, und der “Kili” gilt offiziell als bestiegen.

Kauern am Felsen: Stella Point (5737 m), Foto: HB

Kauern am Felsen: Stella Point (5737 m), Foto: HB

Mir ist einfach nur kalt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Sonne gerade aufgeht. Steif gefroren, nestle ich irgeneine weitere Wärmeschicht aus dem Rucksack und muss mich dann ziemlich beeilen, den Anschluss an die anderen zu finden, die bereits in Richtung des echten Gipfels, des Uhuru Peaks, enteilt sind.

Im Aufbruch leiere ich Thomas S. noch den Erdnuss-Schokoriegel einer bekannten Marke aus den Rippen.  Drei atemlose Bissen, und die Energie ist da, um diesen traumhaften Weg durch die weiße Pracht noch einmal richtig zu genießen. Ein wenig strauchle ich nun schon, zugegebenermaßen, aber das muss einem in weichem Pulverschnee, der auf Vulkanasche liegt und auf einem meterbreiten Weg nicht wirklich Angst machen.

Weiße Pracht: Letztes Stück zum Kili

Weiße Pracht: Letztes Stück zum Kili, Foto: TS

Im Gegensatz zu meinen Erwartungen “guckt” man von hier oben nicht direkt in den Krater – jedenfalls nicht, wenn man es nicht darauf anlegt. Dafür beschirmen links des Weges in Richtung Süden und auch in weiterer Ferne Richtung Osten mächtige Vertikal-Gletscher den Weg aus der Ferne. Solche gibt es – aufgrund des Einstrahlwinkels der Sonne, die Schnee zum Tauen bringt – nur in den Tropen!

Wuchtig: Gletscher beschirmen den Weg

Wuchtig: Gletscher beschirmen den Weg

Ich freue mich an der Schönheit der Natur und des Augenblicks, und schon jetzt macht sich innerlich eine unglaubliche Zufriedenheit breit. Die schönsten Momente sind die, in denen man sich noch mitten beim Erfolg haben selbst beobachten kann. Und ich glaube, dazu trägt die Höhenluft bei.

Vor kleinen Torheiten schützt sie allerdings nicht, und da Thomas S bereits die letzten 50 Meter zum Gipfel(-schild) gesprintet ist, tue ich es ihm – entlang an einer leicht verdutzten Menschenschlange – gleich.

Zu fröhlich für letzte Kraft: Gipfelsprint

Zu fröhlich für letzte Kraft: Gipfelsprint, Foto: TS

Danach brauche ich ganz schön lange, um wieder zu Atem zu kommen. Ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt stehe ich nordöstlich hinter dem Schild, mit dem sich jeder stolze Tourist einmal fotografieren lassen möchte. Aufgrunddessen ist aber auf dieser Gipfeletappe auch fast nichts schwieriger als das. Entsprechend sehen wir uns das Treiben auch zunächst einmal von hinten an, treten dabei Spuren in noch jungfräulichen Schnee und machen die obligatorischen 15 Liegestütze (Sport ist ja gesund!)

Uriger von Weitem: Uhuru Peak

Uriger von Weitem: Uhuru Peak

Dann machen wir aber das Touri-Foto doch noch ;-)

Geschafft: Das Touri-Foto

Geschafft: Das Touri-Foto, Foto: HB

Nach diesem Moment traue auch ich mich endlich, die Außenhandschuhe abzustreifen und zumindest ein paar Erinnerungen auf Film alias Speicherkarte zu bannen. Ein Fehler, denn solche Eisfinger werden bei dem kalten Wind nicht wieder warm hier draußen.

Dann heißt es unversehens Abschied nehmen. Ich bin traurig, dass es das schon gewesen sein soll, dabei waren wir im Vergleich mit anderen Gruppen wirklich lange hier oben. Noch ein Blick auf den Gletscher hier und ein Erinnerungsbild vom Zackenkamm des Mawenzi da:

Wildheit: Mawenzi

Wildheit: Mawenzi

Den Rest der Etappe “fahren” wir nun durch das frisch beschneite Geröll ab, eine Riesen-Gaudi und dazu noch knieschonend: yippieh!

Der Rest ist Schweigen: Abfahrt durchs Geröll

Der Rest ist Schweigen: Abfahrt durchs Geröll, Foto: TS

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2 Responses to “Tansania-Bergtouren (9)”

  1. Sehr geil. Und wunderschöne Bilder. Da will ich auch mal irgendwann rauf…


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