Vom Unsinn von Trainingsplänen

06Jan10

„Ja mach‘ nur einen Plan, sei nur ein großes Licht. Und dann mach‘ noch ein’n Plan. Geh’n tun se beide nicht.“ – Bertolt Brecht

Laufen und Promovieren haben mehr gemeinsam, als selbst der bedarfte (als Gegenteil zum „unbedarften“) Mensch auf den ersten Blick erkennen würde. Jedenfalls drängt sich mir der Eindruck auf, nachdem mir mein Doktorvater vor einigen Tagen die Vorbereitung eines Artikels zum so genannten „wissenschaftlichen Arbeiten“ aufbefohlen hat. Aber halt! Ist denn nicht eine wissenschaftliche Arbeit viel zu komplex, als dass man alle nötigen Kniffe aus einem 20-seitigen Paper erlernen könnte? Und gilt das nicht auch für die allseits beliebten Trainingspläne, mit denen wir unser Laufen verbessern, unsere Zielgerichtetheit steigern oder überhaupt erstmal in Trab kommen wollen? – Ganz recht.

Um mein ernüchterndes Fazit kurz zu halten: Trainingspläne und Anleitungen zum wissenschaftlichen Arbeiten haben vieles gemein. Sie sind nicht praxistauglich, tragen wenig zur Erreichung des eigentlichen Ziels bei und – was viel schwerer wiegt – sind vollkommen humorlos!

Aber machen wir die Probe aufs Exempel und arbeiten meine steilen Thesen an der (Lauf-)Wirklichkeit ab. Wer sich da einmal an einem Trainingsplan versucht hat, weiß, dass dieser entweder so unflexibel ist, dass man gleich von Anfang an „Hintertürchen“ im eigenen Hinterkopf einbaut. Wer kann sich beispielsweise schon über Wochen jeden Samstag und Sonntag einen langen Lauf abringen? Und wenn man sich schon in diesem einen Punkt nicht an das Ding hält, kann man die anderen Vorschriften auch gleich etwas lockerer sehen. Was die entsprechen Autoren wohl ahnen, und deshalb ebenso drohend wie umsonst den mahnenden Zeigefinger heben: „Wenn du das nicht durchhälst, bist du ein Weichei!“ – Na und? Andere Trainingspläne sind wiederum so flexibel, dass sie den Namen nicht verdienen. Das gilt zwar vor allem und zumal für gewisse „Tools“ aus dem Internet, lässt sicher aber an der Metapher einer buchförmigen Anleitung am besten illustrieren. Warum sollte ich mir ein Buch kaufen, das mir sagt, wie ich etwas machen soll. Und das als Nachtrag mindestens ebenso viele Seiten enthält, wie ich eventuell auch zum Ziel komme, und von dem ich dann vor allem letztere Seiten lese. Auch das irgendwie absurd.

Irgendwie verwrungen mit diesem inhärenten Mangel an Praxistauglichkeit ist der geringe Beitrag entsprechender Dokumente und Tools zur Zielerreichung. Denn sein wir doch mal ehrlich: Wer bereits 3 Jahre erfolgreich läuft, und sich bisher relativ kontinuierlich gesteigert hat, wird das wahrscheinlich (Alterungsprozesse und Verletzungen außer Acht gelassen) auch weiterhin tun. Und wer es bisher nicht geschafft hat, dem wird ein Buch auch nicht das Entscheidende geben, denn nicht am Wissen fehlt es meist, sondern am Tun!

Ähnlich verhält es sich auch mit den Promotions- und den Rageberbüchern zum wissenschaftlichen Arbeiten. Denn so sehr die meisten, die sich in dieses Feld begeben prinzipiell wissen, worauf es ankommt, so kommt es eben gerade nicht auf das Prinzipielle an – sondern darauf, seine eigene Lösung für seine (auch oft begrenzten) Möglichkeiten zu finden, ein ureigen am Herzen liegendes Thema zu bearbeiten.

Und hier kommt das wesentliche Problem aller Ratgeberliteratur ins Spiel: ihre Humorlosigkeit im umfassenden Sinne. Damit meine ich nicht, dass der Autor trocken schreibt und nicht auf jeder Seite Witze reißt oder lustige Comics einfügt. Ich meine die Unfähigkeit zu sehen, wie relativ und damit wie eitel alles menschliche Streben ist. Was seinerseits zu einem Mangel an Distanz zum eigenen Standpunkt führt. Und dazu, Leute auf festgefahrene Wege zu leiten, auf denen sie alles finden und allem begegnen können. Außer dem Spaß am Laufen respektive dem Elan, einer sie wirklich interessierenden Fragestellung mit wissenschaftlichen Methoden (und die heißen erstmal nur „intersubjektive Nachvollziehbarkeit“ und „argumentative Stringenz“).

Wundert es eigentlich keinen, dass es tausende wissenschaftlicher Arbeiten gibt, und kaum eine antwortet präzise auf eine Frage, die sich wirklich (also in der Welt unabhängig von theoretischem Vorgeplänkel und disziplinären Grabenkämpfen) stellt? Naja, wahrscheinlich genausowenig wie es jemanden wundert, dass er/sie mit Dieter Baumanns (um nur einen Namen zu nennen) Trainingsplan keinen 5K-Rekord laufen kann. Es ist eben der Trainingsplan vom Dieter. Und es wären die Ausnahmen und Abweichungen, die zu machen das Konzept „Trainingsplan“ ad absurdum führen, die den wahren Champion ausmachen!

Bild: pixelio.de/andi-h



12 Responses to “Vom Unsinn von Trainingsplänen”

  1. 1 Marco

    Ich kann dazu nur sagen… das ich mich drei Jahre lang an die Pläne meiner Trainer gehalten habe und meine Marathon Bestzeit vom ersten Marathon nie wieder erreicht habe.
    Dann habe ich aus Gesundheitlichen Gründen eine zeitlang nicht laufen können und habe ohne Pläne angefangen meine Runden zu drehen.
    Irgendwann habe ich auch keinen Pulsgurt mehr um die Brust geschnürt und bin nach Körpergefühl gelaufen. Auch die Tempoeinheiten habe ich so gemacht. Was soll ich sagen… ich habe meine Bestzeit im Marathon dadurch von 03:43 auf 03:23 Std. verbessert ohne an meine Grenzen zu gehen. Ich war vollkommen relaxt und fit im Ziel. Falsch gelaufen würden jetzt die Rennhirsche sagen. Aber für Mich bin ich vollkommen RICHTIG gelaufen. Habe meine Bestzeit pulveresiert und konnte noch gerade ohne Krämpfe und Schmerzen nach Hause gehen.
    Ich werde keinen Pulsuhr und keine Trainingspläne mehr anfassen in meinen Leben.

    „Life is Running“

    Soviel von mir dazu!!!

    liebe Grüße
    Marco

  2. 2 Indy

    Erstmal: schöner philosophischer Ansatz😉
    Hat was von Yoga-Thesen zwischendrin – gefällt mir!

    Zum Plan: ja, Pläne sind doof! Die Lehren sind ja meist bekannt, da brauch ich keinen 12-10- oder 6-Wochenplan.
    Die Wirkungsweisen von langen Läufen, Tempotraining und die notwendige Erholung zwischendurch sind ja bekannt und jeder weiß, dass mit 30 Wochenkilometern der Marathon kein Spaziergang wird.
    Ich denke, dass „echte“ Pläne nur was sind für leute, die Führung brauchen oder die derart schnell sind auf ihrer Paradestrecke, dass dort zielgerichtet gearbeitet werden muss.
    Für die anderen denke ich immer, dass die es so wie Marco halten sollten: an die Erholung nach dem langen Lauf und der (wenn überhaupt notwendigen) Tempoeinheit denken und früh genug Grundlagen legen, damit man die letzten 2-3 Monate regelmäßig trainieren kann..

    ist auch ne Art von Plan…

    Wobei ich das schgon genial finde, wenn Marco gegen Pläne wettert und dann ganz freiwillig morgen sum kurz vor 6h fast 30km läuft…Respekt!

  3. 3 Christiane

    @Marco, Indy:
    Erstmal Respekt, dass ihr dieses lange Gesülze von mir bis (ziemlich) zum Ende durchgelesen habt!

    @Marco:
    So ähnlich ist auch meine Erfahrung, auch wenn ich nicht „erst“ mit Trainer trainiert habe, sondern zwischendurch mit Plänen experimentiert – die ich dann meist rechtzeitig und manchmal leider auch weniger rechtzeitig verworfen habe😉

    @Indy:
    So ähnlich, nämlich dass jemandes Form entweder „stimmt“ oder nicht, sehe ich es auch. Der Rest der Prinzipien ist so einfach wie das kleine Einmaleins. Nur manchmal kommt im Leben halt was dazwischen, und damit müssen „wir Amateure“ dann auch leben. Was ich sehr gut nachvollziehen kann, ist, dass Marco es auch ohne Plan morgens aus dem Bett schaftt. Ich hab‘ auch so Phasen😎

  4. 4 Indy

    So ne Phasen hab ich nie😀

    Und zum Thema Amateure, da schlummert mir eh noch was in den Fingern…mal sehen, vielleicht schaffe ich das diese Woche mal in den Blog zu posten, denn mal ehrlich: Ausdauersportler und vor allem Ultras sind wohl kaum als Amateure zu bezeichnen: wer 100km/Woche macht, sich mit dem oben genannten 1×1 befasst, auf seine Ernährung und Asurüstung achtet und soviel Zeit mit dem „Hobby“verbringt, der trainiert auf mindestens Halbprofi-Niveau – nur oftmals leider ohne die dazugehörige Aufwandsentschädigung😦

    • 5 Marco

      stimmt irgendwie schon… ABER auf meine Ernährung achte ich nicht.
      Ich liebe essen… LEIDER !!!

  5. 6 georg

    Super Beitrag. Trainingsplan ist Selbstkasteiung. Deshalb benutze ich auch keinen.

  6. @Indy:
    Ich bin so lange Amateurin, wie ich vom Sport nicht abhängig bin, um meine materielle Substistenz zu sichern. Klar würde ich mir wünschen, Fußball-Füftligist-mäßig alimentiert zu werden. Aber wie heißt es so schön: „Wir sind hier nicht bei ‚wünsch dir was‘!“ Ein bisschen kritisch ist dieses nicht ernst genommen werden höchstens in medizinischen Belangen. Aber das ist ein weiteres „Fass“, das ich nicht soo gern aufmachen möchte😦

  7. Ach, Christiane, ein wirklich spannendes und bei Dir wohl auch sehr lebensnahes Thema, ich meine damit beide Bereiche.
    Zu Trainingsplänen kann ich nix sagen, da ich eher der spontane Typ bin und vor allem keine Bewerbe laufe. Ich sehe es von dem Standpunkt, ich wäre nicht in der Lage gewesen irgendeinen Trainingsplan der starr ist durchzuhalten, da meine Zeit meist nicht planbar gewesen ist.

    Zum Thema Dissertation hast Du auch schon alles gesagt. Ich habe eine – für Mediziner – sehr aufwendige Arbeit gewählt, die sehr klinisch orientiert war, allerdings dann im Verlauf viel Laborarbeit und am Schluss noch Aktenstudium erforderte, es hat mich ein Jahr während meines Studiums gekostet. Das Schlimmste war allerdings der Anfang, nach der ersten Literaturrecherche hielt ich fast 200 Papers in der Hand, die mehr oder weniger genau gelesen werden sollten. Vor lauter Schreck kaufte ich mir dann ein Buch, welches den tollen Titel „Schreiben und Publizieren in der Medizin“ trug, das Fazit war: es hat mir gar nichts genutzt. Die Wissenschaft kam mit der Einarbeitung ins Thema und brauchte viel Zeit.
    Seither versuche ich Ratgebern aus dem Weg zu gehen ausser sie vermitteln mir den Eindruck, dass ich profitieren kann, das bedarf allerdings einer vertrauenswürdigen Empfehlung oder einer persönlichen Kenntnis des Autors oder früherer Werke von demselben.

    Du hast wahrscheinlich genug Lauferfahrung um Dir einen eigenen Trainingsplan zu basteln, denn ich glaube, Du weisst auf was es ankommt😉

    Salut

  8. 9 Hannes

    Gelesen habe ich es – beim Verständnis von einigen Einzelheiten hapert es aber noch. Zum Glück muss ich mich mit der wissenschaftlichen Arbeit noch nicht beschäftigen und das Trainieren nach Plan läuft so, wie ich es mir nun mal gerade mache.

    Grundprinzipien sind dabei für einen Fortschritt absolut notwendig. Wer diese aber so kennt und vor allem auch gut umsetzen kann, benötigt keinen weiteren Plan. Bei den anderen hat der Plan sicher Nachteile und ist nicht in vollem Maße umsetzbar – letzten Endes ist es für viele aber besser, als ganz ohne Plan zu rennen.

  9. 10 Christiane

    @Georg:
    Willkommen auf meinem Blog. Über’s Bloggertreffen wird noch zu bloggen sein😉

    @Christian:
    Es ist wie es ist – und bei mir leider insbesondere in Bezug auf die Dissertation zum Verzweifeln. (Nicht, dass das jetzt mein Doktorvater liest, aber so schlimm wär das im Endeffekt auch nicht ;-( ). Ich denke, in meinem Fach (Sprachwissenschaft) kommt hinzu, dass es selbst den „Gegenstand“ über den man schreiben will, nicht wirklich „gibt“. Vielmehr muss man auch diesen in der Phase des Einarbeitens ins Thema (und hoffentlich des Erfahrungsammelns in der Praxis und der „wirklichen Welt“ noch konstruieren und irgendwie verständlich in Worten darlegen (lernen). Das war die weitergehende Erkenntnis, auf die du mich gebracht hast – danke!

    @Hannes:
    Zum Thema Trainingspläne sind wir, glaube ich, soweit einverstanden. Und zum Thema wissenschaftliches Arbeiten im Zusammenhang mit den Neigungen, die ich mit dir in Verbindung bringe, kann ich zwei Sachen sagen. Erstens, dass es dich in der Mathematik wohl sooo hart nicht erwischen wird, weil man da eben mehr an vom Doktorvater vorgegebenen Fragen forscht oder diese sich unmittelbar aus einer Anwendunbg (ich denke da an Kryptologie, Algorithmen, aber auch Finanzthemen oder Statistik) ergeben. Und zum anderen, dass mein Text einige sehr allgemeine Bezüge auf das „Wesen der Wissenschaft“ (welches in der Wahrheissuche und dem Fortschreiten der Erkenntnis beruht) aufweist. Das muss man nicht wissen, schon gar nicht in deinem Alter, aber falls es dich interessiert, sind „Wissenschaftstheorie“, „Epistemologie“ und „Systemtheorie + Wissenschaft“ sicher lohnende Google-Suchwörter😉

    @alle:
    Die Resonanz wundert – und freut – mich sehr. Ging es doch wirklich in erster Linie darum, einem momentanen Ärger Luft zu machen und meine eigenen Gedanken zu ordnen. Danke für eure Aufmerksamkeit!

  10. 11 Marco

    @Indy: bei mir ist der freiwillige Faktor dieser das ich meine langen Läufe morgens machen MUSS, da mir sonst meine Frau eins aufs Dach gibt wenn ich erst um 10:00 Uhr für 3 – 4 Stunden am Wochenende verschwinde und ich sie mit dem Haushalt und zwei Kleinkindern alleine lasse.
    Ich laufe ja auch am liebsten in der nacht bzw. im Dunklen.
    …und ALLEINE !


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