Geschafft – 100 Tage Polnisch

09Jan10

„Sich selbst“ eine Fremdsprache beibringen, das ist erstens was für Genies und geht zweitens sowieso nicht. Richtig? – Falsch.  Zwar ist es ein altes (und inzwischen in seinen wesentlichen Aspekten widerlegtes) Gerücht, dass die Fähigkeit zum Sprachenlernen im Erwachsenenalter quasi nicht mehr gegeben ist. Aber es ist eine ebenso unbestreitbare wie unbequeme Tatsache, dass Übung und Anstrengung den Meister machen.

Und weil ich nicht nur von Berufs wegen ein kleines Bisschen sprachverrückt bin und ich außerdem von Anfang an nicht verstanden habe, weshalb man an meiner Schule zwar Französisch und Latein wählen konnte, obwohl der Prozentsatz französischer Mitschüler/-innen in einem deutschen Schülerleben gegen Null geht und garantiert kein Lateinländer Arbeiten übernimmt, für die sich mancher Deutsche zu Schade ist, wählte ich mir als Probe aufs Exempel eine richtige Herausforderung und machte mich ans Polnische.

„Polnisch ohne Mühe“ heißt eine schöne Reihe, deren Titel mit dem Horrorszenario von Unaussprechlichkeit, 7 Fällen und weiteren unergründlichen Geheimnissen der Grammatik in unerschrocken ermutigendem Kontrast steht. Und auch wenn es nicht ganz ohne Mühe war, jeden Lerntag (denn 100 Tage stringent hintereinander habe ich dann doch nicht durchgehalten) um die 30 Minuten mit dem Lesen, Lernen von Phrasen und Vokabeln und schließlich sogar schriftlichen Übersetzen von Lektionen zu verbringen, so hat doch immerhin der Polnisch- (Ausrufezeichen)-Teil des Versprechens funktioniert.

Zumindest kann ich jetzt so sinnhaftige Sprüche wie „Czas to pienądz“ (Zeit ist Geld) oder „Im dalej w las, tym więcej drzew“ (Je tiefer man in den Wald geht, desto mehr Bäume gibt es), und wenn ich jetzt mal mit etwas Muße in der polnischen Wikipedia browse, dann bin ich inzwischen zumindest soweit orientiert, dass sie Anlass zu weiterem Wortschatzerwerb und nicht zur Verzweiflung gibt.

Mit dem zuletzt genannten Spruch konnte ich mich übrigens  nicht nur im Hinblick auf die Beschäftigung mit der polnischen Sprache in letzter Zeit sehr identifizieren (was eine Erklärung für die guten Fortschritte sein könnte). Sinngemäß heißt er übrigens laut Buch, dass ein Problem je komplexer wird, je mehr man sich mit ihm beschäftigt. Das lässt wiederum Bezüge zum berüchtigten Wald erkennen, den man „vor lauter Bäumen nicht mehr sieht“, aber die Erörterung der Bedeutungsähnlichkeiten und -unterschiede, und ob die damit verbundenen Verwendungsweisen Rückschlüsse auf die jeweilige Kultur zulassen oder einfach nur aus der Bedeutung der sprachlichen Zeichen folgen, wäre allein Stoff für einen weiteren Blogeintrag (und mehr).

Jetzt habe ich erstmal noch 50 Lektionen „Aktive Phase“, d.h. Wiederholung mit schriftlicher Übersetzung mit diesem Buch vor mir. Um mich spätestens dann in den realen, außerhalb von Lehrwerken existierenden Kosmos der polnischen Sprache vorzutasten, denn Sprachenlernen hört – selbst in der Muttersprache – nie auf.

Und dann vielleicht eine weitere Sprache? Aber lassen wir das. Es klingt ein bisschen nach der Euphorie eines überstandenen Marathons, in der die Freude über das erreichte schnell hoch gesteckte Ziele und die oblogatorische Enttäuschung generiert. Aber zumindest der Beweis ist erbracht: es geht!

Bildquelle: assimil.de



10 Responses to “Geschafft – 100 Tage Polnisch”

  1. 1 Evchen

    Was das Französisch angeht, so pflichte ich Dir bei. Ich bin allerdings an der französischen Grenze aufgewachsen und da ist es auch heute noch die erste Fremdsprache, vor Englisch. Latein allerdings hat mir für viele andere Sprachen (auch die deutsche) sehr geholfen. Von daher ist Latein wohl ähnlich wie Mathe anzusiedeln: eine Hilfswissenschaft/Sprache.
    Krass, polnisch. Gab es einen besonderen Grund, warum Du Dir polnisch und nicht was weiß ich suomi oder schwedisch oder flämisch ausgesucht hast?

  2. 2 Claudia

    Hey, ich bin begeistert. Ich beschäftige mich auch schon länger mit dem Gedanken, Polnisch zu lernen – ich finde die Sprache spannend, und wir haben polnische Freunde. Ich hab bislang nur noch nicht so das richtige Buch bzw. Programm gefunden. Vielleicht versuche ich es mal hiermit?

    Viele Grüße!
    Claudia

  3. 3 Aga

    Bardzo mnie cieszy, że tak dobrze Ci idzie i trzymam kciuki za dalsze postępy!

  4. 4 Christiane

    @Evchen:
    Ok, es gibt natürlich immer Ausnahmen und Fälle, wo andere Dinge sinnvoll sein können. Es spricht ja auch nichts gegen Französisch oder Latein, nur hätten diese ganzen verwickelten Herleitungen nicht in meinem Blog Platz gehabt. Polnisch habe ich mir ausgesucht, weil bei uns in der Gegend die Polen bzw. Leute polnischer Herkunft bei weitem die größte Ausländergruppe sind, ich hatte also immer polnische Freunde, Bekannte, Schulkameradinnen etc. Dazu kommt noch, dass ich den Eindruck hatte, die hätten einen besonders schlechten Ruf und würden deshalb teilweise sogar zuhause kein Polnisch mehr sprechen. Naja, und Verstehen (der Sprache) schafft (hoffentlich) Verständnis. Darüber kann ich mich aber auch nochmal wann anders auslassen…

    @Claudia:
    Willkommen auf meinem Blog! Wenn du das Buch (oder das Set mit CD-ROM, aber das ist dann sehr teuer) hast und polnische Freunde, steht dem eigentlich nichts im Wege. Wie bereits geschrieben, es ist nicht einfach, aber machbar.

    @Aga:
    Bardzo mi milo, ze Ty czytasz moj blog. Mam znadaje, ze idziesz dobrze i mialas swietnie sylwester🙂 Czy przyjesz na mensa w poniedzalem za trzedziesta pierwsza.
    [end of secret message]

  5. 5 Gerd

    Also ich spreche gebrochen Hochdeutsch.
    Fließend Hessisch!
    Fließend Groß-Zimmner Platt!
    Gebrochen Englisch.
    Latein aus Asterix Büchern
    Französisch kann ich den Satzinhalt beim Zuhören erkennen. Zum Glück hatte meine Französisch-Lehrerin mein „Talent“ zur Sprache erkannt und mich rechtzeitig aus dem Unterricht verbannt

    Das reicht doch eigentlich um durch´s Leben zu kommen, oder?
    Aber Du bringst mich immer wieder zum Staunen!😉

  6. 6 Kerstin

    Wow! Soviel Selbstdisziplin haette ich wohl nicht, mir selbst eine Fremdsprache beizubringen. Echt bewundernswert. Dabei liegt es hier doch sehr nahe, Spanisch zu sprechen und ich habe sogar Jahre VHS hinter mir, die aber ueberhaupt nicht haengen geblieben sind.
    Mein Franzoesisch, das auch mal fliessend war als ich monatelang durch Frankreich gewandert bin, ist mittlerweile auch fast komplett weg.

    Nun hoffe ich nur, dass mein Mann ein bisschen deutsch mitlernt wenn ich mit unserem Kind spreche. Bisher sind seine Kenntnisse da eher sehr rudimentaer…
    Jedenfalls finde ich es klasse, dass es zweisprachig aufwachsen kann.

  7. @alle:
    Vielen Dank für die Blumen, aber wie ich oben schon schrieb, es hat weniger mit Talent als mit Hosenboden und sich draufsetzen zu tun ;-(

    @Gerd:
    Das mit den Dialekten als (Fremd-)Sprache ist gar nicht mal so abwegig. Wäre auch mal ein „Thema“ wert. Ansonsten spricht der Mann von Welt Französisch. Den Rest – HOCHDEUTSCH – kannste mal gepflegt vergessen😉

    @Kerstin:
    Thema Französisch, Spanisch: http://eurocom.httc.de/index.php😎
    Ob allerdings dein Mann nicht sehr schnell hinter deinem Klein(st)kind zurückbleibt, mag ich bezweifeln. Ist aber auch ein interessantes Studienobjekt (also jetzt rein die Sprachentwicklung ;-))

  8. 8 Kerstin

    Ich befuerchte es ja fast… Vor allem weil er auf der Arbeit trotzdem noch den ganzen Tag Englisch reden wird und die Deutschen alle an ihm ihr Englisch auffrischen wollen. In den zwei Jahren Eifel hat er jedenfalls nicht viel gelernt. Ist natuerlich auch meine Schuld, ich war einer dieser deutschen Nachbarn😉
    Das Wichtigste kann er aber schon: „Ich moechte einen Doener!“

  9. 9 Kerstin

    Und natuerlich: „Es regnet.“

  10. @Kerstin:
    „Ich möchte einen Doener!“ – das ist ja schon Lingua franca-Kommunikation. Wieviele wissenschaftliche Aspekte man auf einem (Lauf-)Blog generieren kann *bg*


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