„Ich weiß, wie’s geht, aber ich kann’s nicht!“

31Jan10

Kennt ihr diesen Ausspruch? Für mich ist es eine jener kleinen Phrasen, die die Tücken des menschlichen Alltags in wenige Worte zu kondensieren vermögen. Wobei in einem Lauf-Blog der erste Anwendungsbezug geradezu auf der Hand liegt. Neulich erst hatte ich eine Unterhaltung mit jemandem (Nicht-Läufer) über Laufmagazine. Und erklärte ihm in diesem Zug, dass zumindest die bekannteren selten bis nie etwas bahnbrechend Neues bringen. Was ich allerdings viel erstaunlicher finde: selbst das Altbekannte findet reißenden Absatz. Und das – gemessen an den Auflagen –  nicht nur bei Generationen neu unter die Läufer kommender Leute.

Warum das so ist? Ich glaube, es hilft gegen das schlechte Gewissen. Wir kaufen gewissermaßen zum Zeitpunkt t Informationen und rezipieren sie, um sagen zu können,  dass wir erst zum Zeitpunkt (t+1) handeln können. Schließlich haben wir erst dann das letzte Stückchen guten Rat, den letzten Anstoß für ein klügeres Handeln in der Zukunft erhalten.

Meiner Beobachtung nach wirkt diese Vorgehensweise allerdings fast nie. Meistens fehlt und nämlich gar nicht das Wissen, wie etwas funktioniert oder gemacht werden muss. Wir machen es nur zu häufig nicht, setzen einfach nicht um, was wir wissen, kommen nicht ins Handeln und lassen uns selbst bei dem, was wir gut gelernt und uns „angewöhnt“ haben, allzu oft vom Alltag aus der Bahn geworfen.

Das ist nicht schlimm, sondern vermutlich nur menschlich. Und bezüglich des Laufens habe ich mit diesem Phänomen des informierten Nichtstuns (d.h. des Nichtstuns wider besseren Wissens) meinen Frieden gemacht. Das heißt einerseits, dass ich in der Mehrheit der besseren Zeiten Wege gefunden habe, mich auch dann vor die Tür zu bewegen, wenn es auf den ersten Blick nicht vielversprechend zu werden scheint. Wobei es da natürlich trotzdem noch Aufs und Abs nach Tagen, Wochen und Jahreszeiten gibt. Und für die wirklich vertrackten Momente habe ich mir die feste Überzeugung zurechtgelegt, dass sich alles immer noch zum Guten wenden kann, auch wenndie Vorbereitung beispielsweise ziemlich suboptimal lief.

Dass selbst dieser einfache Standpunkt ein gutes Stück Vorarbeit erfordert – und ich in geschwächter Position fatalerweise in die alibihafte Bekämpfung durch Information zurückfalle – darauf stieß mich das Nachsinnen über einen anderen Lebensbereich. Mit meiner Dissertation geht es nämlich im Moment (und eigentlich nicht erst seit einem Moment) alles andere als gut voran.

Dabei weiß ich natürlich prinzipiell, wie man eine Dissertation schreibt. Habe schließlich studiert und mich auch sonst lange genug im bzw. am Rande des akademischen Dschungels aufgehalten – ja sogar mit den Raubtieren gesprochen habe ich -, dass mir das Was und Wie mehr als nur im Groben völlig klar ist:

  • Ich muss irgendeine wissenschaftliche Frage beantworten, die sich (so) noch niemand gestellt oder beantwortet hat.
  • Solche Fragen findet man in der einschlägigen Literatur oder Praxis seines Faches – idealerweise sogar übereinstimmend in beiden.
  • Ein Haufen Lesen steht am Anfang.
  • Je enger die Fragestellung gefasst ist, umso praktikabler wird die Bearbeitung.
  • Eine gute Struktur wirkt Wunder bei der Auswahl und Einordnung der gewonnenen Informationen.
  • Und: Es ist noch keine Meisterin vom Himmel gefallen!

Allein, es scheint nicht wirklich zu helfen. Geschlagene sieben Monate schleiche ich nun bereits um meinen Gegenstandsbereich herum, schlage mich durch Papier- und virtuelle Berge von Geschriebenem, kreise Fragen ein, die mir kurz darauf doch wieder entwischen, kämpfe mit Textauszügen auf Papier und lerne das Schwert einschlägiger Software-Tools virtuos zu schwingen. Ich zwinge mich an den Schreibtisch, entspanne mich, gewähre mir Zeit zum Nachdenken, schreibe etwas, und verwerfe am Ende doch wieder alles.

Wie kann das sein? Wie kann man (fast) alles wissen, aber nichts „können“? Wie kann mir selbst alles Wissen um Widrigkeiten, um notwendige Geduld und die Normalität von „Durchhängern“ nichts bringen? Wieso fruchten selbst eigene Erfahrungen, die mit der (schwierigen) Lauf-Disziplin, mit ähnlichen (Schreib-)Projekten, noch alle gesammelte Weisheit, die sich in Ratgebern und Ratschlägen, in Gesprächen und Korrespondenz, von wohlmeinenden und ungeduldigen Zeitgenossen gewinnen lassen, überhaupt nicht?

DAS weiß ich nicht einmal. Wahrscheinlich bleibt nur, es mir an diesem Punkt einzugestehen: „Im Prinzip weiß ich, wie’s geht. Aber ich kann’s (noch) nicht!“ – Kommt Zeit, kommt Rat?



6 Responses to “„Ich weiß, wie’s geht, aber ich kann’s nicht!“”

  1. 1 Thestral

    Ich kann da nur aus meiner Lauferfahrung sprechen: im Prinzip „weiß“ ich, was ich besser machen kann. Aber oft fehlt mir der nötige „Tritt in den Allerwertesten“ um es mich auch wirklich machen zu lassen.
    Beispiele gefällig? Krafttraining mache ich alleine praktisch nie, das Stretching nach dem Lauf „vergesse“ ich viel zu oft.
    So gesehen können die Anregungen aus den Laufmagazinen eine willkommene Aufforderung sein.
    lG
    Ralph

  2. 2 Kerstin

    Ich schaue dem Phänomen “ darum herum schleichen“ schon lange zu. Jahrelang. Man muss Geduld haben. Außerdem habe ich einen fulltime-Job und will in meiner Freizeit gerne nichts Anstrengendes tun (außer manchmal Laufen, aber das ist was anderes). So kommt ein Stückchen aufs andere. Ohne Job wäre ich in einem Jahr fertig; das zu wissen ist auch schon ganz schön.
    Ich habs übrigens nicht so mit engen Fragestellungen, das entwickelt sich oft während des Schreibens.
    Durchhalten – ich glaub, das gehört dazu!
    Gruß
    Kerstin

  3. 3 Christiane

    @Thestral:
    Du hast natürlich recht, dass die MAgazine (und andere Ratgeber) manchnal den entscheidenden Klaps auf den Allerwertesten darstellen können. Allerdings nutzen sie sich auch ab, d.h., wenn man die „Inspiration“ beim ersten Mal nach zwei Tagen schon vergessen hat und beim zweiten schon gar nicht mehr umsetzt, sind sie ab da nichts mehr weiter als faule Ausreden, nachzudenken und Pläne zu spinnen statt zu handeln. Deshalb: ich les‘ den Kram schon gar nicht mehr…

    @Kerstin:
    Du promovierst auch? Finde ich ja interessant. Ich hab’s übrigens auch nicht so mit Fragestellungen, bin auch eher der Typ, bei dem es sich ergibt. Leider scheint das aber mein Doktorvater anders zu sehen…

  4. 4 Kerstin

    Da die Diss für mich ein reines „Spaßprojekt“ ist und mein Lebensunterhalt davon nicht abhängt, sieht der meine das gelassen, abgesehen davon ist er der Meinung, dass man selbst groß ist.

  5. Danke Christiane, für diese echt gute Analyse. Ich glaube fast jeder kann in Deiner Darstellung sich selbst in der einen oder anderen Lebenssituation wieder erkennen.

    Ich denke, dass es oft durch das Wissen und die Aufmerksamkeit auf die Widrigkeiten zu einer Blockade kommt. Ein Handeln ist gar nicht mehr möglich und obwohl es fast schon auf der Hand liegt kommt man nicht drauf. Ein Pragmatiker hat es da oft leichter, vielleicht sollte Intuition eine größere Rolle spielen? Nur meine bescheidene Meinung.

    Ich wünsch Dir viel Erfolg bei der Dissertation und natürlich auch beim Laufen.

    Salut

  6. @Kerstin:
    Ich kann es natürlich nicht genau sagen, aber ich glaube, es ist eher eine Typfrage (des DV), ob er die Diss-Geschichte gelassen sehen kann. Bei meinem scheint das nicht der Fall zu sein.

    @Christian:
    Wie Recht du mit den Pragmatikern hast. Mir ist auch schon aufgefallen, dass die es vielfach leichter haben. Ich bemühe mich deshalb, an mehr Dinge pragmatisch ranzugehen (bzw. wie beim Laufen, sie einfach zu tun). Bei der Diss. geht’s mir nur im Moment so, dass zu den inneren die äußeren Blockaden der Umstände kommen. Und Umstandskrämerei von zwei Seiten – das KANN nicht gutgehen. Naja, es kommen bessere Tage!


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: