„Wir“ haben gewonnen?

24Jun10

Der Abend eines heißen Sommertages. Ganz Deutschland gleicht einem Ameisenhaufen. Alle sind unterwegs, um „das Spiel“ zu sehen, Deutschland gegen Ghana. Und während des Spiels dann eine fast gespenstische Stille über dem Land. Mitfiebern, gelegentliche Anfeuerungsrufe, Flüche, Stoßgebete. Schließlich schießt Özil das entscheidende Tor, und eine Woge der Erleichterung brandet durch das Land. Auch ich springe aus dem Fernsehsessel auf, reiße die Arme in die Höhe.

Nach dem Schlusspfiff sind „wir“ weiter. Aber halt, wieso wir? Die Auswahlmannschaft des Sportverbandes „Deutscher Fußballbund“, die auch unter dem Namen „Nationalmannschaft“ firmiert, hat gegen eben eine solche Mannschaft aus Ghana gewonnen. Das war spannend, streckenweise nett anzusehen, gute Unterhaltung und ein bisschen medieninduzierte Pulserhöhung.

Was die Spieler auf dem Platz geleistet haben, kann sich vorstellen, wer sah, wie kaputt die waren, die den Platz verließen: wie Schweinsteiger in der 80. Minute oder Özil nach Ende der Spielzeit. Und wer Sport macht, kann es wahrscheinlich auch nach“fühlen“. Ich freue mich für diese Jungs. Und ich freue mich, einen spannenden Fernsehabend verbracht zu haben. Das Bedürfnis allerdings, vuvuzelablasend im hupenden Autokorso durch die Stadt zu düsen, kann ich nicht nachvollziehen. Und schon gar nicht – wie gestern selbst erlebt – dass hierbei aus vermutlichem Übermut alle Regeln der Straßenverkehrsordnung bezüglich Geschwindigkeit und Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer missachtet werden.

Dabei gibt es sogar eine – für die Betreffenden nicht sehr schmeichelhafte – Erklärung dieses Phänomens. Es nennt sich „basking in reflected glory“, und wurde von der Massenpsychologie in England anhand der Dynamik in den dortigen Fußballstadien beschrieben. Menschen, die in ihrem Alltag nichts erreichen (können) identifizieren sich mit anderen, die tatsächlich oder scheinbar große Leistungen erbringen, unterstützen diese, identifizieren sich durch ihre „Mitarbeit“ mit den Leistenden und können so das Vakuum ihrer täglichen Sinnlosigkeit kompensieren. Kurz gesagt: Wer nichts kann, borgt sich den Ruhm von anderen!

Ich für meinen Teil kann nicht nachvollziehen, wie man die Trennlinie zwischen „wir“ und „ihr“ nicht mehr erkennen kann. Habe ich gestern 90 Minuten in Soccer City auf dem Platz gestanden? Habe ich gezwikäpft, gedribbelt geklärt, geflankt, Fouls weggesteckt und mir die Zunge aus dem Hals gerannt? – Na also. Dann sollte ich mir die Ehre dafür auch nicht ans Brevier heften.

Allerdings kann ich umso besser nachvollziehen, wie sich ein Sportler fühlt, der um den Sieg kämpft. Und danach und auch im Fall des Nichtgelingens, sprich der Niederlage. Und gerade deshalb freue ich mich zu sagen, dass „diese Mannschaft“ gewonnen hat, und bringe ihr meine Achtung dar. Aber total Identifikation bis zur „feindlichen Übernahme“ durch die eigentlich Inaktiven? Das ist weder des Sports würdig noch der Nation.

Wollen wir für’s England-Spiel hoffen, dass die Spielenden weiterhin ihre Kräfte aktivieren und ihr Können zeigen können!



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