Ein Lauf wie im Rausch

28Jun10

Es ist heiß an diesem Sonntagmorgen, der auch nicht mehr ganz so neu ist, da ich am Abend zuvor im Kino und danach noch mit Freunden in der Kneipe war (für mich nur Alkoholfreies). Doch ich habe ja in weiser Voraussicht meine Sonnenbrille aufgesetzt, und in der unmittelbaren Umgebung meiner Haustür spenden zunächst die Bäume angenehmen Schatten. Danach scheint sie auf meine Haut: die pralle, warme Sonne, die wir dieses Jahr so lange vermissen mussten, und der ich persönlich mich viel zu oft in Richtung Schreibtisch entziehe.

Aber wieso eigentlich die Aufregung: Ich will doch nur auf meiner üblichen Strecke 16 Kilometer hinter mich bringen, oder? Nach wenigen Schritten ist klar: Heute geht mehr. Und so entscheide ich mich recht früh in diesem Lauf, noch einen „Schlenker“ dranzuhängen und streckenmäßig den Halbmarathon voll zu machen.

„Schnell“ ist zunächst natürlich was anderes als die 5:30, 5:25 pro Kilometer, die ich vorlege. Aber es läuft leicht, ich spüre keine Anstrengung, dafür eine Art Entrückung, fast so wie fliegen. Ich glau, alle die mir an diesem Tag entgegen kommen (Läufer, Spaziergänger, Freizeitradler…), und das sind wegen des Sonntagmorgens eine ganze Menge, bemerken es irgendwie auch. Ich strahle doch hoffentlich nicht über’s ganze Gesicht???

Jedenfalls gleite ich förmlich über die Strecke: 5:25, 5:20, 5:15.Die Sonne wärmt die Haut, ohne zu brennen, eine leichte Brise wiegt die Gräser, in einem Hain am Bach finde ich wieder Schatten, der angenehm kühlt, und als mir eine Reiterin entgegen kommt, habe ich das unheimliche Gefühl, (im Gegensatz zu ihr) ganz „Frau“ dieses wunderbaren Erlebnisses zu sein, das sich Bewegung in freier Natur nennt.

Garmin piept. Was, 11 Kilometer schon, immer schneller geworden und trotzdem nichts spürend? Ich glaube, ich werde verrückt vor Glück, trabe nicht, sondern fliege förmlich über Wege und Trampelpfade, gerahmt von Wiesen und Weiden, wo sich die rollenförmigen Heuballen aus der Distanz kaum von den dazwischen stehenden Pferden und vor allem Hochland-Rindern unterscheiden. Im gleißenden Licht liegt eine Schafherde auf halb verdorrtem Gras bei einer Tränke, kurz dahinter sehe ich Hasen, die betont cool ihre Sprungkraft demonstrieren und wie in Zeitlupe Haken schlagen.

Da habe ich den „sportlichen Höhepunkt“ des Laufes aber noch vor mir. Zurück am See, wohin ich mich durch die wahrsten Aufläufe von Menschen jeden Alters, Rentnerpärchen, Familen, junge Verliebte zwängen muss, sehe ich von weitem zwei Männer, die (für ihr Geschlecht ;-)) ganz locker unterwegs sind. Und dann vor ihnen, in Richtung meiner Laufstrecke, einen ganzen Trupp. Nach einem kurzen Blick ist klar: Wir haben es mit einer Fußballmannschaft zu tun. Nur gut, dass ich immer noch Energie in den Beinen verspüre, und mich beim Blick auf die Garmin (Schnitt von 5:15, was trotten die hier eigentlich so langsam durch die Gegend!) auch gar nicht die Neigung überfällt, wegen der Hitze mal ’nen Gang ‚runterzuschalten. Im Gegenteil: Ich schalte hoch, alles geht einfach, so einfach wie lange nicht mehr, und im fast hüfthohen Gras ziehe ich eilig an ihnen vorbei. Soweit man das kann, höre ich hinter mir erst ungläubiges Staunen. Dann rufen sie hinter mir her: „Boah, ne Frau, das is‘ ja echt…“ – Mir ist es eigentlich egal, wie sie das finden. Mich störte nur einfach die Wegverstopfung durch chronische Langsaläufer. Die Frage, ob sie „vom Mädcheninternat“ kommen, kann ich mir dann aber doch nicht verkneifen…

Ohne merkliche Anstrengung bringe ich danach die letzten Kilometer des Halbmarathons hinter mir – nachdem ich für den Kilometer mit dem Überholstück sagenhafte 4:19 gebraucht hatte. Schnell was trinken, duschen, alles roger. Nie war ich so fit wie gestern😎



10 Responses to “Ein Lauf wie im Rausch”

  1. 1 Marco

    schönes ding meine liebe.
    gefällt mir!🙂

  2. 2 Evchen

    „Ich strahle doch hoffentlich nicht über’s ganze Gesicht???“ Äh…..ich kann mir vorstellen, daß Du das eh schon nicht wirklich ernst meinst, aber: warum dann nid???
    Das liest sich ja so, als wäre das etwas, was es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Ich finde, das darf man ruhig und man darf sich auch ganz offen freuen, daß man als Frau (ich betone das nur wegen der anatomischen Unterschiede, die sich in der Geschwindigkeit ausdrücken) an den Fußballern vorbeiziehen kann.

  3. 3 Thestral

    Klasse Lauf, toller Bericht! Und dann noch eine Fußballmannschaft versägt 8) . Ich kann mir vorstellen, wie du dich dabei gefühlt hast.
    Ich bin ja bekennender Hitzehasser und kann mir nicht vorstellen, einen Trainingslauf bei den Bedingungen vom Sonntag in solch einem Tempo zu laufen. Du hättest den Lauf nach Trier verlegen sollen😉 …
    lG
    Ralph

  4. @Evchen:
    Natürlich meine ich das ernst, dass ich (wohl) übers ganze Gesicht gestrahlt haben muss. Anders kann ich mir die Aufmerksamkeit meines Umfeldes nicht erklären. Und man SOLLTE das tatsächlich noch. Dann wird man nämlich für bescheuert gehalten. Wie kann ein Mensch sich einfach nur so seines Lebens freuen????

    @Ralph:
    Ach, an Hitze gewöhnt man sich. Aber eine Fußballmannschaft ist ja auch wirklich kein Maßstab (Stichwort: Gegner, keine Opfer!). Trier verstehe ich nicht. War’s da kühler?

  5. 5 Thestral

    In Trier war Stadtlauf😉. Ich lief da dem HM mit und mußte aufgrund der Hitze auf der zweiten Hälfte drastisch Tempo rausnehmen. Das ging vielen so.
    So wie sich dein Bericht liest, wärst du in Trier gegen Ende nur noch am überholen gewesen. Deshalb meine Bemerkung🙂
    lG
    Ralph

  6. @Ralph:
    Ok, jetzt verstehe ich deinen Kommentar besser. Sollte vielleicht wirklich mal wieder ’nen Wettkampf laufen…

  7. 7 Christina

    Oberkrassssss! Bei mir wäre nach 6 (1/7 Marathon) km absolut Schluss🙂

  8. 8 Gerd

    Boahhhhh… bist Du wieder schnell!😉
    Freut mich richtig doll das es so gut läuft.

    „Mich störte nur einfach die Wegverstopfung durch chronische Langsamläufer.“ Lass ich mal so unkommentiert.😉

  9. @Gerd:
    Hätte vielleicht formulieren sollen „Gruppen von chronischen Langsamläufern“. Solange sie nur ei nzeln auftreten😉 , ist es ja kein Problem!

  10. 10 Martin

    Nicht schlecht. Toppfit wie immer…

    Zur Fußballmannschft fällt mir nicht viel ein – Fußballer sind halt keine Sportler im eigentlichen Sinn, sondern eher Künstler, die sich mal mehr mal weniger bewegen😉


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