Positiv überrascht!

07Sep10

Das schöne an Lauf-Events ist, dass man auf Gleichgesinnte trifft. So kam es, dass wir am Rande des Red Bull-Rennens (wobei dieser „Rand“ im Verhältnis zum Rennen natürlich sehr breit ausfiel) auf das Gefühl zu sprechen kamen, am Limit zu laufen. Dass man wie im Tunnel ist, nur noch auf seinen Körper und den nächsten Schritt konzentriert ist und das Blut in den Ohren rauschen hört.

An der Stelle hatte ich ein déjà-vu. Denn war das nichtzu den Zeiten, wo ich manche Läufe „aus der Hüfte“ zu finishen schien, genau meine Taktik gewesen? Ich sagte dann immer zu mir: Ran an die absolute Schmergrenze des Zeitpunkts x, und dann so lange weitermachen, wie ich es aushalten kann. Und dann zur Not minimal nachlassen, etc. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass mir das Nachlassen nie gelang, und dass ich im Gegenteil bei jeder sich nähernden Gefahr, mich so schlapp hängen zu lassen, wie ich mich eigentlich fühlte, noch einen Zahn zulegte.

Das war mein Erfolgsgeheimnis, und eigentlich war es auch mein Spaßgeheimnis, wenn man dem zustimmen möchte, dass erfolgte Selbstüberwindung auch sowas wie Spaß ist. Und ich will es wiederhaben. So googelte ich gestern nach DEM Trainingsplan. Er ist sicherlich nicht der ausgefeilteste, aber er hat die brutalste Ansprache, wo ich kenne: der „Greif“.

Nein, ich will nicht irgendwie durchkommen und (ausschließlich) genießend durch Wald und Felder schlurfen. Ich will laufen, und das möglichst schnell. Nun hat es bei meinen sonstigen Vorhaben im Moment keinen Zweck, ein richtiges Marathontraining aufzuziehen. Aber ein bisschen an die Grenze gehen kann man ja trotzdem.

Ich kann euch nicht sagen, wie schlecht ich heute Nacht schlief. In meinem Kopf spukten die Kilometerzeiten. 95% vom Marathontempo. Von welchem? Von meinem letztjährigen? Das wären dann knapp 5 Minuten/km. Aber hatte ich nicht mit diesem Online-Trainingsprogramm vergangenes Jahr die extensiven Dauerläufe nur in 5:15 absolviert und das auch noch auf relativ kurzen Strecken?

Andererseits, 5:15, das erscheint wenig ehrgeizig, eine 10er-Zeit von gut über 50 Minuten??? Also wälzte ich mich weiter im Bett: 5:00 anpeilen und 4:50 laufen? Oder doch gleich mindestens 4:50 anpeilen?

Es kam anders. Die ersten Schritte in der kalten Morgenluft fühlten sich nicht vielversprechend an. Ich fröstelte, und als ich auf Garmin die angepeilte Rundenzeit von 5:15 sah, während ich mich bereits auf dem Weg in die Atemlosigkeit befand, wollte ich mein Ziel fast nach unten (also zeitlich nach oben) regulieren. Allerdings habe ich den Eindruck, dass mein Garmin ohnehin die Anfangsmeter immer als langsamer misst, als man sie läuft. Und zwar völlig unabhängig, ob ich lostrotte oder impulsiv anspringe wie ein junger Hase.

Irgendwie blieb ich dran an meinem Tempo. Am Ende standen für die 4:46 auf dem Tacho, für die zweite 4:47 und für die dritte bereits 4:35. Vernunft! sagte ich mir. Jetzt noch den nächsten Kilometer, und dann fährst du runter, damit du das Ding im Schnitt gut ins Ziel bringst. Ein guter Start ist nicht auf den Langstrecken, wenn du das Tempo nicht hälst! Aber da kenne ich mich natürlich schlecht. Einmal unter der 4:40 eingenordet, werde ich nie wieder langsamer. Sogar Runden unter 4:30 sind dabei. Und das Tolle: es fällt mir nicht einmal besonders schwer.

So habe ich doch noch einen gelegentlichen Blick für die Landschaft, spüre die Sonne, obgleich mir in dem Moment sowieso warm ist, und ziehe noch einen Schlussspurt an. Ausgehen, dehnen, nach Hause. Geht das wirklich so einfach?



6 Responses to “Positiv überrascht!”

  1. 1 Gerd

    Da läuft es mir immer eiskalt den Rücken runter.
    Leider habe ich nicht diese Begabung mich richtig Quälen zu können.😉
    Entsprechend bleibe ich bei meinem lockeren Zuckeltempo.
    Ich hoffe Du hast die After-Race-Party gut überstanden!😉

  2. @Gerd:
    Man sagt nicht umsonst „Sprit“ zu Alkohol😉 Aber ich glaube in meinem Fall gibt es keinen Zusammenhang.

  3. 3 Thestral

    Hoppla! Daß du verdammt schnell bist, wußte ich ja schon. Aber daß du so hart bist, das überrascht mich jetzt.

    Greif – der Name löst unter Läufern Ehrfurcht und Zähneklappern aus😉 . Seine Ansprache motiviert mich auch, aber ich könnte seine Forderungen niemals vollständig umsetzen.

    Wenn dich so ein hartes Programm motiviert, dann setze es um. Es liest sich so, als wenn es dir richtig Spaß macht 89 . Viel Erfolg!
    lG
    Ralph

  4. Das mit dem Trainingsplan kannst du dann ja ab morgen mal versuchen. Vielleicht klappt es dann besser?😉

    (Oh wie gut ich es dir nachempfinden kann!)

  5. 5 Hugo

    Greif ist geil…. schon die Ansprache zu seinem Trainingsplan lässt mich nervös werden🙂 Den Countdown habe ich vor 3 Jahren durchgezogen, jedes verdammte Training habe ich absolviert und was soll ich sagen…. es wirkt🙂

  6. @Thestral:
    Andere laufen nicht mit Uhr, weil sie Angst haben zu entdecken, wie langsam sie sind. Bei mir ist es häufig umgekehrt. Selbst „harte“ Trainingspläne bremsen mich häufig im Vergleich zu dem, was ich „von Natur aus“ durchziehen würde. Möchte nicht wissen, wieviel und vor allem wie schnell ich in meinen wilden Anfangsjahren gebolzt habe.

    @Hannes:
    Ich hab’s versucht, musste allerdings (das passt jedenfalls zum Grundprinzip von Greif), die 6×1000 heute durch 19,5 Kiolmeter extensiven DL ersetzen – nach dem TDL gestern😉

    @Hugo:
    Ja, endlich mal einer mit einem Herz für Nicht-Weicheier. Wenn ich manche Laufbücher lese, habe ich das Gefühl, die Autoren würden besser Liebes-Fortsetzungsromane in der Apotheken-Umschau veröffentlichen😉


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