Dem Übertraining entflohen

17Sep10

Von Zeit zu Zeit bieten sich Vergleiche zwischen meinem Hobby – dem (Ultra-)Langstreckenlauf und meiner offiziellen Hauptbeschäftigung, der Wissenschaft und hier insbesondere dem Promovieren, an. So auch jetzt. Ich sitze in einem Terminalraum im Keller der Universität Leipzig und genieße das Alleinsein und die Ruhe. Wenn einer Dissertation den 100 Kilometern unter den wissenschaftlichen Teildisziplinen entspricht, so kann man wissenschaftliche Tagungen gut und gern als Trainingslager ansehen.

Meist – so auch dieses Mal – erhält man Gelegenheit, seine Fähigkeiten in sehr kurzer Zeit auf ein höheres Niveau zu heben. Das ist an und für sich eine gute Angelegenheit, zumal der Arbeitsalltag an deutschen Universitäten sich zur Wissenschaft ungefähr so verhält wie jeder normale Alltag zum Lauftraining: für Letztgenanntes bleibt immer zu wenig Zeit. Jedenfalls nicht so viel, dass man von intensiver Beschäftigung respektive Training reden und einer entsprechenden Ausreizung der eigenen Möglichkeiten nahe kommen würde. Wie gut, dass es ein- bis zweimal im Jahr die Chance gibt, aus den Zwängen des Alltags auszubrechen und – dazu noch bei den besten „Trainern“ – intensiv an der Form zu arbeiten.

Allerdings, und auch hier tun sich Parallelen zum Laufen auf: Man kann kein halbes Jahr durchwachsenen Trainingsfleißes (oder, weniger wertend: fehlender Trainingsgelegenheiten) im Verlauf einer Woche aufholen. Der Versuch muss scheitern, beim Laufen würde ich sogar sagen: in der Katastrophe in Form einer Verletzung enden.

Nicht, dass ich Angst habe, mein Gehirn würde im eigentlichen Sinne des Wortes platzen, wenn ich mir jetzt noch einen Vortrag anhörte. Aber zumindest würde ein weiterer „Trainingsreiz“ sicherlich kaum mehr auf fruchtbaren Boden – im Sinne eines wachen Verstandes – fallen. Und, wie ich es vom Laufen kenne, bestünde sogar die Gefahr, den angesammelten Elan wertvollen „Inputs“ und ganz persönlicher, in Stiller Beschäftigung mit der Sache gehabter Erfolgserlebnisse zu einem jähen, vorzeitigen Ende zu führen. Dann aber wäre alle Anstrengung des Trainingslagers umsonst, die Mühe, die es bei aller Begeisterung macht, vergebens gewesen.

Und – um an dieser Stelle den Bogen zum Sport zurück zu schlagen – nicht jeder „Guru“ erweist sich als fähiger Trainer, nicht jeder „Geheimtipp“ als gangbarer Weg der eigenen Weiterentwicklung. Wie beim Sport Wundermittelchen, so gibt es auch in der Wissenschaft Situationen, Gegebenheiten und Personen, auf deren Beitrag zur Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit man getrost nicht nur verzichten kann sondern wahrscheinlich auch sollte. Die meisten Dopingarten sind schließlich nicht bloß unfair, sondern auch gesundheitsschädlich😉

So sitze ich nun hier, dem Getümmel der Konferenz entzogen, beginne mir Dinge durch den Kopf gehen zu lassen, dem geistigen Muskelwachstum Zeit und Raum zu geben und mir ins Gedächtnis, dass Nahrung und Entspannung für den Trainingserfolg mindestens ebenso wichtig sind wie Anstrengung und Eifer.

Ach ja: Morgen 35!!!



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