Kein Lamento!

02Mai11

Ach, wie habe ich gelitten. Dabei lief es erst ganz gut. 75 Kilometer sollten es werden, und wurden es auch, das heißt, 78, aber das ist so eine Geschichte.
Die Strecke ist schnell beschrieben, und alle Passanten, die man trifft, ob dies- oder jenseits des Harzes, denken, man würde ihnen damit einen Bären aufbinden: Schierke – Brocken – Eckertal(sperre) – Wolfenbüttel – Braunschweig. In manchen Jahren, wenn das Wochenede des 1. Mai einen Brückentag bietet, wurde sogar hin und zurück gelaufen…

Für uns 16 Waghalsige ging es aber hin nach Schierke zunächst mit dem Bus. Das bedeutete frühes Aufstehen: Abfahrt 5:30 Uhr, Start 7:00 Uhr. Nach kurzer Verspätung und „alle nochmal Pippi“ in der Jugendherberge gings dann los. Norddeutschlands höchster Berg lockt (naja, nicht gerade und sicher nicht jeden) mit 1142 Metern ü. nN.. Von Schierke aus macht dies gut 500 Höhenmeter, deren Bewältigung nach kaum einem Warmlaufkilometer beginnt und die ihren Höhepunkt jenseits der 1000 Meter findet, von wo aus 148 Höhenmeter auf 1,2 Kilometern (also mit > 12% Steigung im Durchschnitt) bewältigt werden. Ich finde aber, dass Strecken- bzw. Ortskenntnis hier viel von den bangen Gedanken wegnehmen, wie lange es denn wohl so steil weitergeht. Gestern entschädigte außerdem ein sehr guter Ausblick „bis zum Ziel“ für die investierten Mühen – knapp 10 Kilometer waren da in weniger als einer Stunde hinter uns.

„Wir“, das waren zu der Zeit 4 Männer, die um die Führung rangen und ich, die aus reinem Übermut und der puren Lust am Sport am Anfang etwas überzog. Einmal über den Brockengipfel hinüber, kann sich der geübte Läufer dann ins Tal hinabstürzen. Gen Eckertalsperre warten hier nämlich zunächst rund 3 Kilometer des berüchtigten „Kolonnenweges“, grobe Waschbetonplatten mit tiefen Löchern, in denen sich Füße prima verhaken und – bei Steigung wie vor – schlimme Verletzungen resultieren können. Ich absolvierte die Schussfahrt im „Laufstegschritt“ (Füße VOReinander aufsetzen) und mit Bravour. Bei einem Schnitt unter 3:45 Min./km hielten nur noch die wackersten Männer mit, doch ich wusste, dass dieses Vornliegen nur eine Scheinstärke war. Zu früh die Saison, zu anders die Ziele.

Dann der Blick auf den Eckerstausee. 16 Kilometer sind gelaufen, der Untergrund wechselt zwischen besagten Waschbetonplatten und recht grobem Geröll, das fast durch die Schuhsohlen dringt. Neben uns das stahlblaue Wasser, ich rechne kurz nach, es ist deutlich vor 9 Uhr, alles friedlich, auch die schlimmsten Anstiege sind bereits geschafft.

Doch während ich das so denke, tut sich unverhofft ein (letzter) auf. Ich lassen abreißen, gehe kurz (reine Vernuftleistung) und dann? Oh, gut, ein Schild nach links, eine weitere Steigung hinauf. Nachdem ich – oben angekommen – keine weitere Streckenmarkierung entdecke, laufe ich quasi-geradeaus auf einem schlecht geräumten Trampelpfad am Hang entlang, seichte Kurve um seichte Kurve auf angenehm grasigem Untergrund in der Hoffnung, die Vorangezogenen noch irgendwie aufzustöbern. Ein Blick auf die Garmin. Ein Kilometer vergeht, ich rufe, erhalte keine Antwort, noch ein paar Meter. Bald habe ich einen weiteren halben Kilometer drangehängt, da liegt ein dicker Baum quer über dem Weg und überzeugt mich: hier können sie – mit offizieller Mountainbike-Begleitung – nicht langgelaufen sein. Auf dem Rückweg treffe ich dann erst den einen und dann den anderen der Herren, die wir beim rasanten Downhill abgehängt hatten. Ich muss sie enttäuschen und sie mich. Erst, als die zweite Frau im Bunde (die ich für die dritte halte, weil die zweite uns während meines Herumirrens ungesehen überholt hat) ankommt, die die Strecke kennt, fädeln wir uns wieder auf die Strecke ein. Es waren wohl Fußgänger, die in einem schlechten Scherz das Schild (sogar mehrfach) umgedreht hatten…

Mit nun bereits über 20 Kilometern in den Beinen geht es in den Ort Eckertal. Die letzten Kilometer „hauen wir rein“, der 5er-Schnitt wird deutlich unterschritten und ich merke irgendwann: Mir fehlt jetzt Energie. So wird die erste Verpflegungsstation (davor geht’s durch den Nationalpark und man ist auf das angewiesen, was man mitzuschlepppen gezwungen und gewillt ist) zur ersten „Oase“. Der Tisch ist reichlich gedeckt, doch ich merke auch: Wenn ich mich nicht bald losreiße, dann wird’s nichts mehr.

Ich nehme also Cola (mag ich sonst gar nicht), ein paar Salzbrezeln und fülle mir Iso in die Trinkflaschen. Dann „walke“ ich an, dehne mich, denn die Oberschenkel zittern nach der rasanten Abfahrt, langsam tun auch die Füße weh (unter den Ballen, was laufe ich mit neuen Schuhen???). Und doch: Als ich raus bin aus Eckertal und so zwischen Wäldchen und gelb leuchtenden Rapsfeldern hindurchtrotte, kehrt so etwas wie Zufriedenheit ein.

In diesem Zustand kommt die nächste Verpflegungsstation – laut meinem „verstellten“ Kilometerzähler bei „37“ – ziemlich schnell. Cola, Wasser, Riegel, Dehnen, dazu die eigenen Flaschen füllen, das wird zu meinem Ritual. Kurz darauf stoße ich auf ein weiteres Leitmotiv: Die Waschbetonplatten und damit die ehemalige Innerdeutsche Grenze haben mich wieder. Weniger gefährlich, dafür aber mit meinen jetzt doch arg ziehenden Fußballen deutlich unangenehmer als am Brocken sind sie hier für uns Läuferinnen. Ich muss mich hinsetzen, mehrmals auf diesem Lauf und einmal mitten auf der Strecke. Da sitze ich in der Frühlingssonne, die schon Kraft hat, und als ich mich wieder aufmache, hoppelte mir erst ein Hase (!) ziemlich lange entgegen, bevor er „Läuferin“ irgendwie doch mit „Gefahr“ verbindet und fluchtartig die Richtung wechselt.

An der nächsten „Oase“ (Verpflegungsstelle) geht es mir schon weniger gut. Ein kleines Wäldchen war zu durchqueren, der Pfad auf matschigem, teilweise wirklich nassen Untergrund seitlich abfallend und nur dürftig von einem grünen Teppich niedriger Blumen freigegeben. Das gibt meinen Füßen, auf denen ich nur noch unter immer größeren Schmerzen laufen kann und meinen dadurch langsam sich verkrampfenden Beinen fast den Rest. Ich bettle um einen Sitzplatz – den ich natürlich bekomme, wie überhaupt die Leute an den Verpflegungspunkten unheimlich nett sind, trinke Iso, esse Rosinenbrot aber kein Salz. Dann lerne ich, dass man sich keine Sorgen machen muss, wenn einem beim Ultra nichts wehtut, denn „der Zustand geht vorbei“. Ich nehm’s als Mantra zum „hau rein“ des Betreuers der Verpflegungsstelle und kämpfe mich zunächst um 5 Kilometer weiter (dort werden die eigenen Flaschen geleert, ein Ritual) und dann zur nächsten Verpflegungsstelle durch.

Unterdessen muss ich die dritte Frau ziehen lassen. Auch wenn es seltsam klingt: Das Verlaufen zuvor spielt dabei weder körperlich noch mental eine Rolle. Es ist mir gelungen, das abzuhaken, außerdem kennen wir uns. Wenn aber die Füße so weh tun, wer will da noch einen anderen Gegner als sich selbst? So nehme ich bei Kilometer 57 (also 55 offiziell) Iso, Kaffe und endlich auch Pellkartoffen mit Salz gegen die immer schlimmer werdenden Krämpfe zu mir. Ich setze mich sogar ins Auto – Zeit is‘ egal – und genieße die Sonne, die durch die offene Tür auf mich scheint. Hier muss ich wohl auch den Wunsch geäußert haben, ein alkoholfreies Bier zu leeren und ins Ziel zu walken. Tatsächlich walke ich irgendwann wieder los, lasse mich kurz darauf auf dem Radweg nieder – Schuhe aus, Füße kurz beruhigend streicheln, unter Kräpfen Schuhe wieder an. Dann erlaube ich mir als „Wettkampfpremiere“ den mitgebrachten mp3-Player zu benutzen. Naja, zumindest vertreibt’s Monotonie und Autolärm an der Landstraße…

Bald werde ich 62 Kilometer laut meinem Tacho bewältigt und damit nur noch 15 vor mir haben. Klingt machtbar, und das sage ich mir auch irgendwie die ganze Zeit, während ich mich Wolfenbüttel und damit bekannten Gefilden nähere. Noch einmal das Zwischenverpflegungsritual: An dem belebten Überlandstraßen-Kreuz sind ein Haufen Fußgänger und Radfahrer unterwegs, die mich ungläubig mustern. Da mir niemand Hilfe anbietet, muss ich wohl sooo schlecht nicht aussehen. Und tatsächlich spüre ich sogar so etwas in mir wie „die zweite Luft“.

Am Ende des Wohngebiets, dort, wo sonst meine lange Trainingsrunde endet, wird der letzte Verpflegungspunkt erreicht sein. Ich setze mich hin, man macht ein Foto von meiner schmerzverzerrten Zufriedenheit😉 Dann noch Cola, Iso, Riegel. Der Läufer vor mir packt sich diesmal auch noch „feste Nahrung“ ein, ich tue es ihm gleich und werde es mir danken. Müssen wir wirklich? Ja, wir müssen: hoch auf die Kuppe des Hügels, dann runter und hinter der Autobahn nochmal gut 200 Meter hoch. Was mir im Training eine willkommene Herausforderung ist, kann ich jetzt nur unter Anspannung aller mentalen Muskeln laufend bewältigen. Oben angekommen sehe ich, dass der Läufer vor mir auch immer wieder Gehpausen einlegen muss. Und dann zieht sich die (mir allzu gut bekannte) Strecke weiter. Noch einmal das „Zwischenritual“, da setzt meine Garmin aus (Akku leer).

Na gut, ich weiß auch so, wo ich hin muss, aber wie ich hier durchs Naherholungsgebiet zottele, meinem Körper jeden Schritt abringe und er mir jede Gehpause hinter „neuralgischen Punkten“ wie Papierkörben oder Anglerstegen, komme ich mir schon sehr fremd vor. Dann endlich ist der See vorbei, unter der Autobahn hindurch öffnet sich der Blick auf einen weiteren Park und jenseits des Flusses auf das kleine Schloss Richmond. Ich laufe, wo es geht, auf dem Gras, um meine Fußsohlen zu schonen. Eine letzte Brücke, im Park kein letzter unverhoffter Anstieg, um irgendeine Kilometerzahl vollzukriegen. Nur noch: Augen zu und durch.

Das bin ich dann auch, in jeder Hinsicht. Ich frage mich gerade, ob die erfolgte Anmeldung zum Rennsteig nicht ein bisschen viel des Guten war. Aber wahrscheinlich war sie’s nicht. Neben Finisher-Shirt und Pokal (für einen hart erkämpften dritten Platz) nehme ich auch jede Menge Erfahrungen mit von diesem Lauf. Das bringt’s bestimmt. Irgendwann.



3 Responses to “Kein Lamento!”

  1. 1 Gerd

    Respekt was Du da wieder mal abgeliefert hast.
    Auf der einen Seite faszinierend, auf der anderen wiederum ein bisschen beängstigend wenn ich an meinen ersten „langen und hügeligen“ im Herbst denke. Aber man muss sich einfach ein Ziel setzen. Und das habe ich gemacht!
    Glückwunsch zum Pokal.

    PS: Den werde ich mir aber nicht als Ziel setzen!😉

  2. Glückwunsch zu dieser super Leistung und danke für den aufregenden Bericht! So wie du gestartet bist, hatte man beim Lesen den Eindruck, dass das ganze Spektakel auch schon nach 20 Kilometern zu Ende sein könnte. Die echten Strapazen kommen dann aber noch – schon Wahnsinn, wie viel du dich danach noch gequält hast. Erhol dich gut und genieße den Pokal😉

  3. 3 Andreas

    Gratulation, das ist für einen simplen „Flachland-Marathoni“ wie mich kaum zu glauben, was du da für Distanzen, Höhenmeter und Geschwindigkeiten auflistest. Großer Respekt vor solch einer Leistung!


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: