Rennsteig-Report

10Jun11

Hatte ich das schon erwähnt? Ich war dieses Jahr nach der schlechten Erfahrung 2009 (mea culpa – mein Trainingszustand) und der darauf folgenden Unlustpause mal wieder auf dem Rennsteig. Und wenn schon, denn schon, läuft frau bei dieser Gelegenheit auch den Supermarathon. Im Übrigen folge ich ja diese Saison einer Unsitte, die lautet, die Saisonhöhepunkte und ewigen Bestleistungen anderer Leute als Trainingsläufe zu deklarieren. Nun ja, wer auf die 100 Meilen los will, der bleibt wohl nichts anderes übrig😎

Unter suboptimalen Bedingungen ging’s los. Da ich am Freitagnachmittag noch ein Blockseminar zu geben hatte, konnte mich mein Freund erst um 19 Uhr von der Uni Hildesheim abholen. Angesichts unserer Intention, im Auto zu übernachten, hatte ich da aber zumindest schon wohlweislich reichlich Proviant vorbereitet – und wohl leider viel zu wenig Flüssigkeit und viel zu viel Koffein (als Dozentin sollte man ja möglichst keine Schnarchnase sein) intus.

Nun ja, die Autofahrt ging dann doch recht schnell (zu schnell, wenn man es daran misst, dass wir geblitzt wurden), und so nahm ich nach kurzem Herumirren rund um den Eisenacher Marktplatz meine Startnummer entgegen. Auf dem Sprint vom Auto dorthin (da war es 21 Uhr, der offiziellen Schließungszeit der Startnummernausgabe) wurde mir aber aus unerfindlichen Gründen irgendwie schlecht. Das bisschen Laufen strengte mich an, ebenso, wie offenbar das Autofahren an sich meinem Gleichgewichtssinn zur Zeit überhaupt nicht mundet.

Ausgeschlafener, als ich es nach einer Nacht im VW-Bus unter der herinscheinenden Straßenlaterne erwartet hatte, kroch ich am nächsten Morgen aus dem Schlafsack. Gut, dass frau zum Laufen nur einige wenige und schon am Vorabend zurechtgelegte Utensilien benötigt. Danach Toilettengang (gefüholte Ewigkeiten anstehen vor Dixiehäuschen und Beantwortung der nächsten wichtigen Ausrüstungsfrage: mp3-Player, ja oder nein?

Ich entschied mich, den Player am Hosenbund mitzuführen. Jenseits der 65 KM und des letzten Anstiegs würde ich später zur Belohnung mal reinhören. Aber zunächst galt es, bis dahin zu kommen. Auf dem Marktplatz stürzte ich mich kaum bzw. nur zwecks Bogenunterquerung ins Startgetümmel. Eine Taktik, die zwar meinem selbst auferlegten Anfangskonservativismus entsprach, die ich aber dennoch nach weniger als 10 Kilometern bitter bereuen sollte. Denn: Ich war zwar schlecht drauf an diesem Morgen, aber wer sich da alles in welchem Tempo (was irgendwie hier nicht das richtige Wort ist) die „Berge“ am Anfang der Strecke hinaufschleppte, war erstens nicht feierlich und zweitens äußerst hinderlich bei dem Unterfangen, irgendeine Konstanz in den eigenen Rhythmus zu bringen.

Allerdings hatte ich irgendwie auch noch andere Sorgen. Mir war leicht schlecht, ich fühlte mich schwach und hatte so eine dumpfe Unlust in mir. Alle Selbstanfeuerungen „Mensch, das ist der Rennsteiglauf, ist es nicht cool, es bis hierher geschafft zu haben!“ und „Komm, das machst du jetzt, wo endlich der Moment gekommen ist!“ schienen irgendwie nicht zu ziehen. Die erste Teil-Diagnose war klar: Ich hatte an diesem Morgen noch nicht gefrühstückt, und holte dies an der ersten Verpflegungsstation „irgendwas mit „Sportplatz“ mit Cranberry-Saft, Tee und ähnlichem nach. Aber diese Unlust, diese dumpfe Leere. – Was war nur mit mir los?

Zum philosophisch werden war dies nun allerdings der denkbar schlechteste Zeitpunkt, und so kämpfte ich mich voran – zunächst auf den Kilometer 30 zu, wo ich meinem verblüfften Freund offenbarte, es liefe nicht so gut, aber aussteigen könne ich ja bei 40 immer noch und so weiter.

Mit der Verpflegungsstelle „Ebertswiese“ besserte sich aber zumindest meine Stimmung. 37,5 Kilometer „down the road“ auf einer liebevoll bewirteten Almwiese fängt dieser Lauf langsam an, die Mystik zu rechtfertigen, die ihn leider etwas zu hype-ig für meinen Geschmack umgibt. Neben Haferschlein mit Waldbeeren gibt es zum Schuhe ausziehen und Fußsohlen massieren Reinhard Fendrich mit „Es lebe der Sport“. Ein Ohrwurm, der mich die nächste Steigung an und dann über die folgenden Berge begleiten wird. Ich weiß, man sollte sowas nicht sagen, aber mit weniger wunden Ballen hätte ich an diesen steilen Stellen nicht unbedingt Grund gehabt anzuhalten.

Die Verpflegungspunkte kamen, die Streckenabschnitte gingen, und mein nächstes mentales Ziel lautete nun „Kilometer 48“. Dann wären zwei Drittel geschafft, und das wäre so viel, dass Aufgeben auf keinen Fall mehr lohnen würde. Das sah wohl auch mein Freund so, der allerdings (für einen Nicht-Läufer typisch) in größeren Etappen dachte. „Die sagen hier alle, in Oberhof, bei Kilometer 54, ist das Schlimmste geschafft.“ Wahrscheinlich hatten sie Recht, doch bis dahin schleppte ich mich noch ganz schön, kämpfte Abwechselnd mit schmerzenden Fußsohlen und einem furchbar zwickenden linken Knie und verwendete mindestens so viel energie darauf, nicht auf kleine Kiesel zu treten wie aufs Vorwärtskommen.

Das tat ich dann aber doch, und als ich endlich in der alpinen Stimmung des Grenzadlers ankam, kurz stehen blieb, trank und mich dann über den letzten und höchsten Berg (den man gar nicht so wahrnimmt) auf das letzte Stück machte, war es fast zu schön um wahr zu sein. Futur II: „Ich werde es geschafft haben.“

Meistens ärgern sich Läufer ja über Höhenprofile, denn diese geben das letzte Stück erstens weniger Steil uns zweitens kürzer aus, als es ist (Gleiches gilt für die „falschen“ Kilometermarken;-)). In diesem Rennsteig-Fall war es aber genau umgekehrt. Die 1.200 Meter, auf denen 100 Höhenmeter zu überwinden gewesen wären, nahm ich irgendwie überhaupt nicht mehr wahr oder überwend sie in neu erlernter Besonnenheit mit „Laufen, solange ich kann“ und „Gehen, sofern ich muss“.

Unterdessen hatte sich über der Reststrecke etwas zusammengebraut. Als ich längs einer Skipiste samt den hoch aufragenden Stahlpfeilern lief, donnerte es gewaltig. Ich war froh, dass es noch nicht blitzte, verdankte aber dem sich anschließenden Wolkenbruch das Ende meiner Sehfähigkeit in dem Sinne, dass meine Brille bei vollgeregnet und meine Augen in dem jetzt vorgerrschenden Dämmerlicht nicht mehr gut genug waren. Letzter Verpflegungspunkt, dann nur noch „runter“.

Irgenwann der Gedanke: Wie lange bin ich eigentlich schon unterwegs? Garmin hatte mich bereits wie vorhergesehen verlassen. Aber meine gute alte Casio-Stoppuhr leistete noch gute Dienste, und so machte ich mir mit etwas über 7 Stunden bislang berechtigte Hoffnungen, das zu schaffen, mit dem andere sich zum Mythos stilisieren: U8 (es gab in Eisenach eine Startergruppe, die sich extra so benannt hatte).

Nun ja, was soll ich sagen: Der Weg über die Berge und durch den Ort schlängelte sich noch, aber dann war sie da, die Ziellinie, ich rannte nochmal, nicht zuletzt um dem gut gelaunten Publikum die Freude einer motivierten Sportlerin zu lassen. Und dann war ich da. Irgendwas um die 7:45 Std. und damit fast eine Stunde schneller als bei meiner ersten Teilnahme 2009. Und nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Art und Weise, wie es mit einer Mischung aus Kampf, Nicht-unterkriegen-lassen und Freude an der Sache zustande kam, lässt hoffen. Ich sehe die Gegend wieder beim Thüringenultra!



4 Responses to “Rennsteig-Report”

  1. 1 Andreas

    Du bist ja wirklich hart im Nehmen! Mit so einer Anfangsverfassung auf solch eine Strecke zu starten ist wirklich mutig. Gratulation zu dieser Leistung! Ich habe erst letztes Jahr den Rennsteig-Halbmarathon bewältigt und der Rennsteig-Marathon ist sicher auch mal dran, aber ob ich mich jemals an den “Super“ wage…?

  2. 2 Gerd

    Irgendwie läuft´s bei Dir immer ein bisschen chaotisch. Oder empfinde nur ich dies so?😉
    Zu den „sich hinaufschleppenden Hindernissen“ werde ich wohl im nächsten Jahr auch gehören. Ich hoffe Du siehst es mir nach!
    Ansonsten wieder mal Respekt zu deinem doch tollen Ergebnis. 7:45h bei den Voraussetzungen ist eine Hausnummer. Respekt!

  3. 3 Evchen

    Dir macht das Ganze aber schon Spaß oder ist das eine Form von Understatement?😉
    Spaß beiseite: es ist Deine Art, nicht zu verklären, zu heroisieren und zu hypen. Dennoch finde ich es (in einem gewissen Rahmen) vollkommen legitim, wenn es jemand tut.
    Ich ärgere mich gerade, daß ich an dem Tag nicht wußte, daß Du rennsteigst. Marcus Krüger und ich haben uns so schön amüsiert beim Ergebnisse aktualisieren und gucken. Ich hätte Dich gern mit auf dem Schirm gehabt. Dann eben nachträglich meinen Glückwunsch!

  4. 4 Christiane

    @Andreas:
    Naja, ganz so schlecht war die Anfangsverfassung ja auch wieder nicht. Wahrscheinlich war es nur ein ungünstiger Zeitpunkt in der Vorbereitung, gepaart mit durch Nervosität übersteigerter Selbstaufmerksamkeit😉

    @Gerd:
    Chaos ist der aufregendste Weg zum Erfolg😉
    Und zum Thema „sich hinaufschleppende Hindernisse“: mit Verlaub meine ich schon, dass man/frau einschätzen können sollte, ob 5 oder eher 8 Minuten/Km realistisch sind – und in letzterem Fall nicht unmittelbar unter dem „Start“-Bogen stehen.

    @Evchen:
    Es ist eine besondere Art von „Spaß“. Jedenfalls nicht dasselbe wie Achterbahn fahren oder sich mit einem Eisbecher verwöhnen. Derzeit ist’s sogar mal wieder eher Quälerei😦


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