Berliner Mauerweglauf – Mein erster 100-Meiler (Teil 2)

22Aug11

Bis 100 Kilometer durchlaufen will ich also, ja? Wie ich mich da so von der Gartenbank erhebe am Wechselpunkt, fühlt es sich nicht so an, als käme ich auch nur zwei Schritte weit. Doch was sagte, Mark, ein Mit-Läufer, mit dem ich mir auf der Strecke von vornherein ein Stelldichein gegeben hatte: Nicht so lange stehen bleiben, sonst wird’s so schwer, wieder loszukommen.

An diese Maxime werde ich mich jetzt vorerst klammern, werde einen Fuß vor den anderen setzen, zunächst vorsichtig, dann wieder ganz ansehnlich gemessen an dem, was ich hinter mir habe. Am „Wechselpunkt“ habe ich mich aus Bequemlichkeit von Mark „übetrholen“ lassen, doch auf der nun folgenden Strecke werde ich ihm dicht auf den Fersen sein. Ich laufe, er geht erstmal noch. Irgendwann sieht mich sein Fahrradbegleiter, sagt, vielleicht motiviert es Mark, wenn er ihm das erzählt, und tatsächlich rafft sich Mark danach zum leichten Trab auf. Es geht an einer Landstraße entlang, ein bisschen durch den Wald, nichts Wildes. Der nächste VP ist – wieder privat – an einer Gartenlaube. Nicht zufällig am „Grenzweg“ und als Setting sowieso ein Berliner Original. Es gibt sogar – offensichtlich selbst gebackene – Muffins. Doch so sehr ich den Gastgebern Ehre zuteil lassen würde – ein paar Gurkenstückchen Wasser und Eistee müssen reichen.

 

Der Weg schlängelt sich zunächst weiter am Wald lang und durch Laubensiedlungen. Diese sind hier sehr ausgedehnt, und jede hat ihren eigenen Charakter – von spießig-aufgeräumt bis naturnah-wildromantisch. Dann eine Wohnsiedlung und schließlich ein Waldstück. Hier lerne ich meine Plage für die erste Hälfte der Nacht kennen: Mücken stechen mich, manchmal zu dritt gleichzeitig, in die ohnehin brennenden, schweren Beine. Ich kratze mich, was meinen ungelenken Laufstil vermutlich ins groteske gleiten lässt – was aber nicht bedeutet, dass ich nicht die Pace halte. Irgendwie gefällt es mir sogar, da aus dem Wald raus und dann zwischen Feldern „durchzugleiten“. Auf welligem Terrain (aber Asphalt, der viel besser in Schuss ist, als es die bei jeder Gelegenheit ausgesprochenen Warnungen ewarten ließen) geht es weiter. Hier „überhole“ (s.o.) ich wieder einige Läufer, die ich vom Vorabend kenne, die ich eigentlich auch als stark einschätze. Meine Gewohnheit entrechend walke ich auch nicht auf den Bergauf-Passagen (zumal: was heißt das schon im Umland von Berlin) und komme entsprechen gut voran. Vielleicht zum einzigen Mal auf diesem Lauf komme ich irgendwie in die Nähe des „Runners High“.

Bei Km 99,4 dann Verpflegung. Kaffee und vor allem Anti-Mücken-Spray, das allerdings nur begrenzt helfen wird. Was müssen wir Läufer auch soviel schwitzen, dass wir dieses Getier anlocken! Nach einem weiteren Kaffee und irgendwas zu essen geht es mir so gut, dass ich Roland die Rest-Teiltaktik halb triumphierend, halb selbst erstaunt mitteile: Ich sehe ich zu, bis zum nächsten (und letzten) großen Wechselpunkt bei Km 117,3 noch durch zu laufen. Gesagt, getan: Was mich als einziges wurmt, ist die vergleichsweise lange Distanz von 7,6 Kilometern bis zum nächsten Verpflegungspunkt. Unter normalen Umständen hätte mich das „fertiggemacht“. Ich hätte erst mit dem Schicksal, dann mit den Veranstaltern gehadert und als Ergebnis des Prozesses schließlich lauthals verkündet, ich wolle nicht mehr, ich hörte auf.

 

Doch nicht jetzt, nicht hier, nicht bei diesem Lauf. Zu sehr reizt es mich, das hier zu schaffen. Zu sehr möchte ich diesen Zieleinlauf, dieses Finisher-Shirt, diese Medaille. Und auf keinen Fall will ich die Schmach, nochmal  bei der After-Race-Party abseits zu sitzen, weil ich mich noch ausgestiegener fühle, als ich es bin ;-( Außerdem: Rhythmuswechsel helfen manchmal gegen Schmerzen, und so überlege ich, rechne ich: Für rund 8 Kilometer bräuchte ich 56 Minuten, machte bei einer Startzeit von 19:58 Uhr 20:54 Uhr. Wenn ich jetzt aber ein wenig Gas gebe, dann verkürzt sich die „Leidenszeit“, so dass ich zur Hälfte schon mehr als die Häfte der Strecke geschafft hätte, mir im letzten Viertel sogar ernsthafte Hoffnungen auf das ersehnte Erreichen des VPs machen kann. So spreche ich mir dann ab 20:30 Uhr auch Mut zu, während ich im „Affentempo“ (Roland maß mit seinem Handy-GPS teilweise unter 6:00 Min./Km) an einigen verduzuten Mit-Teilnehmern vorbeihechte: Noch 24 besch… Minuten leiden, noch, 15, womöglich sogar nur 13, noch 10, womöglich sogar nur 8…

Die Strecke wird angenehmer, gepflegtes Pflaster und Asphalt längs eines Sees, und bereits um 20:50 Uhr taucht unvermittelt der VP 14 auf. Ich bin endlich mal ein bisschen außer Atem („Puste“ ist nicht der begrenzende Faktor auf solch langen Distanzen), trinke etwas und esse und lege dann meine „Nacht-Kluft“ an. Entlang des Sees geht es zunächst auch noch ganz gut, dann wird es einsam, der Weg schlängelt sich, linker Hand der Zaun zum Betriebsgelände von Bombardier, rechts ein Streifen Bäume. Unterwegs wird Roland von einem Radfahrer angesprochen, „chit-chat“ über das Laufen und diese Veranstaltung. Irgendwann am Ende einer Stichstraße sind wir dann da.

Begrüßt mit Pauken und Tröten freue ich mich nur auf eins: die angekündigten Feldbetten. Und muss leider schmerzhaft lernen, dass das, was man sich wünscht nicht immer das beste ist. Erstmal bekomme ich eine Rotkrezdecke, die auf der schweißbenetzten Haut kratzt, einen Moment später reicht selbst eine zweite nicht, um mein Kältezittern komplett wegzubekommen. Roland holt sich noch was zu trinken, dann nimmt er neben mir Platz. Unsere Massageversuche sind nur von mäßigem Erfolg gekrönt, da ich zu jedem Zeitpunkt in irgend einem weiteren Körperteil bis hoch zum Rücken einen Krampf bekomme. Am meisten Angst habe ich aber eindeutig davor, richtig einzuschlafen und dadurch mein Finish ernsthaft zu gefährden.

Das Wechseln der Kleidung (jetzt zur 3/4-Tight, T-Shirt und langem Shirt,sowieTrainingshose, die ich aber später wieder weglassen werde), fällt unendlich schwer. Nur mit Rolands Hilfe schaffe ich es, meine Sportklamotten aus- und frische wieder anzuziehen. Mit Wasser, Kaffee sowie warmen Kartoffeln mit Salz (gegen die Krämpfe) gestärkt geht es dann weiter durch die Nacht. Jetzt will ich nicht mehr laufen, ich sag’s Roland, und so walken wir durch Wald und Flur zum nächsten Verpflegungspunkt, der nach schier unendlich scheinender Zeit am Wegesrand auftauch. Was trinken, ein paar Obststücke oder Gurkenscheiben, dann möchte ich weiter.

 

 

Ab der nun folgenden“Etappe“ nehme ich mir vor, zumindest die jeweils letzten 2 Kilometer vor dem VP zu laufen. Dabei beschleicht mich ein banges Gefühl: Werde ich es schaffen, noch einmal anzutraben? Wie wird das sein mit einem schmerzenden Knie links, einer Blase unterm Ballen und einer rechts neben der rechten Achillessehne?

Nur so viel: Es geht besser als gedacht. Schon auf dem Jakobsweg lernte ich ja, dass Blasen weniger wehtun, wenn sie warm sind – irgendwann sogar fast gar nicht mehr. Tatsächlich nähern wir uns dem (auf mitgeführter Karte) identifizierten Punkt 2 Kilometer vor dem VP. Just in diesem Moment nähert sich ein anderes Läufer-Radfahrer-Gespann, unschwer zu erkennen an der Warnwesten-Kopflicht-Pflichtausrüstung. Ich gebe mir einen Ruck und ziehe schon bald an den beiden vorbei. Dabei ist das hier kein Wettkampf. Ich laufe in meinem Rhythmus, sie in ihrem. Bald geht es über eine Straße. dann in den Wald, wo ich Roland bei Kopfsteinpflaster sage, dass es kaum möglich ist, im Kegel der Stirnlampe gleichzeitig auf die Streckenmarkierung und die Wegbeschaffenheit auf dem nächstenn Tritt zu achten. Gut, dass ich ersteres nicht muss, da der Weg sich ohne begehbare Abzweige dem Zwischenziel VP 18 entgegenschlängelt. Der „Naturschutzturm“ kommt hinter einer Mini-Kuppe und da die eigentliche „Station“ zurückversetzt liegt, extrem spät in den Blick. Immer noch nur 14 Minuten für runde 2 Kilometer können sich aber immer noch sehen lassen.

Wir betreten das Gelände, vorbei an einem Mini-Lagerfeuer und finden uns bei elektrischem Licht gemeinsam mit unheimlich netten Helfern und weiteren Läufern in einer Schutzhütte wieder. Ich nehme eine Brühe (auch wegen des Salzes), dann nehmen Roland und ich noch je einen Kaffee, und Roland versucht, mich mit leichten Massagen wieder fit zu kriegen. Ich genieße den Moment unendlich, es ist mir egal,ob andere vor mir wieder starten oder wen ich „überhole“: Ich finde das Gefühl, dort unter diesen Umständen zu sein, derart überwältigend, dass mir alles andere egal wird. Auf dem Rückweg machen wir noch Halt an einem Mini-Lagerfeuer, das die Jugendlichen des betreuenden Vereins auf einem Längs aufgeschnittenen Baumstamm eröffnen. Ich spüre, wie die urige Hitze meine kaputten Muskeln durchdringt. Eine Wohltat. Trotzdem: Wir müssen weiter.

Auf, zunächst Waldweg, dann eine sich windende Kopfsteinpflasterstraße. Roland bemerkt deren extrem guten Zustand (wie oft wurde eine Straße direkt auf der Zonengrenze schon benutzt), mir ist mehr daran gelegen, weiter zu kommen, auch wenn ich den gelaufenen Teilstücken mental mehr entgegen bibbere als fiebere. Und doch „fangen“ wir unter anderem auch Mark und seinen Begleiter noch einmal ein, die am vorhergehenden VP später gekommen und früher gegangen waren. Durch eine Wohnsiedlung, einen anderen Läufer „überholend“, der noch mehr schlurft als ich, kämpfe ich mich zwischen Autos, über kleinste Wurzelhuckel auf Gehwegen und die winzigen Erhebungen der Berliner Topographie zum Verpflegungspunkt 19 bei Km 133 durch.

Ich habe kapiert, dass ich mich aus körperlichen Gründen nicht mehr zu lange an den Verpflegungspunkten aufhalten sollte. Was imer schwieriger wird, ist das In-Gang-Kommen nach etwaigen Pausen. Also Cracker, Eistee, nochwas und weiter, natürlich nie zu vergessen: Dank an die  Helferinnen und Helfer, hier und stets und anderswo! Durch ein Wohngebiet erreichen wir bald eine Ausfallstraße, dann einen Wald und wieder ein Wohngebiet, bis es zwischen Feldern wieder an das Laufen 2 Kilometer vor dem nächsten VP geht.Die Strecke zieht sich und zieht sich, hügelig, der Asphalt teilweise gerissen, wobei selbst minimalste Erhebungen einer Läuferin in meinem Zustand zumindest theoretisch den Rest geben könnten. Doch so drehe ich es in meinem Geist nicht, zwinge mich stattdessen, mich zu konzentrieren und zusammen zu reißen und „überhole“ (man bemerke weiterhin die Anführungszeichen) wieder einige „Gespanne“ und lose Läufertrüppchen. Vielleicht war ich noch nie so zufrieden mit meiner Art, die Dinge anzugehen und diese eben nicht mit der Herangehensweise anderer zu vergleichen.

Der VP liegt wiederum kurz hinter einer Kuppe, dieses Mal der etwas heftigeren Art (oder liegt das an der stetig zunehmenden Erschöpfung als unsteter Messlatte?). Jedenfalls bin ich froh, als ich zunächst ein Schild „500 m bis zum VP 20“ und dann tatsächlich die leuchtenden Warnwesten einiger Läufer und die Beleuchtung des Pavillons sehe. Trinken und vor allem Essen sind jetzt mehr Zwang als alles andere. Als wir wieder unterwegs sind, sage ich Roland zunächst, dass ich bis zum nächsten VP nicht mehr laufen möchte – doch ich werde es tun!

Das gewalkte Stück zieht und zieht sich jetzt nämlich. Erweckt zunächst noch eine Bio-Heizanlage mit dem dazugehörigen Brandgeruch unsere Aufmerksamkeit, so wird die Strecke danach nicht bloß eintönig, sondern bei Nacht betrachtet auch unschön: Straßenunterführungen, Hochhäuser, mittelmäßig gepflegte Gehwege und zugeparkte Wohnstraßen tragen mit ihrem farblosen Alltägscharakter zu der Schläfrigkeit und Ungeduld bei, die sich langsam ob des immer noch fernen Ziels (> 20 Km) einstellen. So raffe ich mich auf, bitte Roland, mich noch einmal loszuschicken, wenn der Countdown bis auf 2 Kilometer an den nächsten VP herangekommen ist. Dieser Fall tritt auf eine, Radweg hinter Hochhäusern ein, nach einer scharfen Biegung geht es zunächst auf den breiten Gehweg eines Industriegebiets und dann auf einen langen, holprigen Weg entlang einer S-Bahn-Strecke. Das erleichtert zwar die Routenfindung, da der nächste VP „Bahnhof Wilhelmsruh“ heißt. Gleißendes Flutlicht von Firmengeländen, abwechselnd mit absoluter Dunkelheit und stellenweise gebrochen durch Bäume und Büsche machen es aber unheimlich schwer, auf seinen Schritt zu achten. Ich will nur noch durchkommen, zwinge mich, mich nur und wirklich nur auf mein Laufen zu achten, kein Blick zur Uhr oder weiteres erlaubt.

Wir erreichen „am Ende des Tunnels“ den VP 21. Roland hätte dringend einen Kaffee nötig, den es aber hier ausgerechnet nicht gibt, und ich setze mich nach einem Becher Eistee hin, um meinen rechten Fuß durch aus- und wiederanziehen der Bandage eventuell von Druckstellen zu entlasten. Ein Plan, der allerdings nicht aufgeht. Während ich wieder aufstehe, sage ich den Helfern, dass ich ab jetzt ohnehin nur noch walken werde. 16 Kilometer, wir werden es auf jeden Fall schaffen und ich meinen 100-Meiler finishen. Ein absolut cooles Gefühl. Die Helfer sagen mir, dass ich sowohl beim Laufen als auch beim Aufstehen noch besser aussehe als die meisten an diesem Punkt. Mag sein, aber ich fühle mich nicht so, und es gibt offenbar noch einen Unterschied zwischen „sich über Gebühr quälen“ und „sich über Gebühr quälen“ ;-(

Also walken wir weiter. Mit einer seltsamen Mischung aus Bangen und freudiger Erwartung betrachte ich gelegentlich die Morgenröte, die am Himmel aufzieht. Nächster VP ist die geschichtsträchtige „Bernauer Straße“, doch bevor wir diese entlang anderer oft geschilderter Orte Berliner Trennungshistorie erreichen, werde ich durch mein zweitschlimmstes Martyrium gehen. Was sind einerseits 16 Kilometer bis zum Ziel und 7,6 bis zum nächsten VP? Im ausgeruhten Zustand nichts, doch nach über 140 Kilometern und eine durchwachten Nacht eine Distanz für unendliche Leiden. Diese brechen sich Bahn, als Roland zunächst einen Getränke-(Zwischen-)Punkt mit dem „echten“ VP verwechselt. Mit einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung und mich „hochziehend“ an anderen Läufern, deren Westen ich vor mir reflektieren sehe, trabe ich noch einmal „für den letzten Kilometer vor dem VP“ an – nur um „dort“ zu erfahren, dass das eigentliche Zwishenziel noch 2,5 Kilometer weiter weg ist. Der arme Helfer bekommt zunächst meinen Unmut ab („so viel gequält und dann nur Wasser!“), was sich natürlich nach Klärung des Missverständnisses relativiert.

Längs durch den Mauerpark und eine endlos scheinende Strecke auf dem Gehweg entlang, den wir Läufer auch nicht mehr für uns allein haben, geht es dann zum VP 22. Hatte ich ein Auge für die Sehenswürdigkeit einer voll erhaltenen Grenzanlage samt „Hinterlandmauer“? – Wie man’s nimmt, zumindest hat sich die Breite, haben sich die Stahlelemente ganz tief ins Gedächtnis eingebrannt, werde es mir sicher noch einmal unter anderen Umständen angucken!

Hinsetzen, aufstehen und auf ins größte Martyrium. Wir walken und walken. Ich bin nicht müde, ich bin kaputt, fertig! Ich frage mich nicht mal, warum ich mir das antue, sondern mit Hilfe welcher Kraft ich es mir noch weiter antuen soll. Dabei ist alles, was jetzt kommt, wirklich nicht mehr weit.  Meinen Unglauben schildere ich Roland, sinniere, mit welcher Leichtigkeit man diese paar Schritte normalerweise im Rahmen einer Sightseeing-Tour hinter sich bringen würde. Dann mache ich den Fehler, ihn zu fragen, wie viel von der Reststrecke wir schon geschafft haben: „Ein Drittel bis zum letzten VP!“ lautet die Antwort. „Der VP interessiert mich nicht, außerdem hatte ich so sehr gehofft, es wäre die Hälfte bis ins Ziel!“ fahre ich ihn ebenso wütend wie verzweifelt an. Doch es ändert nichts.

Zumindest gibt es jetzt „bekanntes Terrain“: bald kommt der Hauptbahnhof in den Blick, dann das neue Bundestagsgebäude und der Reichstag. Wir überqueren die Spree, ich erzähle Roland, um irgendwas zu sagen, dass der ganze Rasen vor dem Reichstag beim Berlin-Marathon mit Läufern zugepflastert ist, das komplette Gelände nur zugänglich für Leute mit Startnummer. Das, was wir dabei sind zu tun, ist offenbar irgendwie was anderes. Am Brandenburger Tor längs zu gehen, ist uns leider nicht vergönnt. Stattdessen biegen wir von der Dorotheenstraße in die Wilhemstraße. Vor uns ist jetzt der Läufer mit Husky, den ich zuvor im Dunkeln noch immer auf Laufpassagen „überholen“ konnte. Jetzt habe ich trotz Willens nicht mehr die Kraft, auch nur einne halben Walk-Tacken zuzulegen.

Am letzten VP möchte ich nicht mal mehr was trinken. Ich will, dass es vorbei ist. Noch nie fand ich eine geschichtsträchtige Strecke so blöd wie den Checkpoint Charly (er trat in seiner Wichtigkeit vermutlich eher zurück hinter dem Bedürfnis, mich endlich ausruhen zu können). Nie hätte ich Kohl, Bush (?) und Gorbatschow als Bronzeplastiken neben dem Springer-Haus so intensiv zur Kenntnis genommen und wären mir Häuserblocks so gigantomanisch zu lang vorgekommen wie jetzt. Auf meine Frage, „wie weit ist es denn noch?“ bekomme ich von Roland antworten, deren Genauigkeit nicht genügt: In meinem Kopf, in meinem Zustand spielt es jetzt eine Rolle, ob das Stadion noch 1,1Kilometer oder nur noch 800 Meter entfernt ist.

Dann auf einmal. Der mann mit dem Hund überquert nochmal eine Straße. Eigentlich müsste ich das Viertel vom Mini-Spaziergang am Vorabend wiedererkennen, doch da ist nichts. Roland sagt, da noch rüber und dann rechts rein. „Ich nehme dich im Ziel in Empfang, ok!“ Ich bin perplex, setze mich mit allerletzter Kraft und ungläubig noch einmal in Bewegung, und als der Läufer mit Hund ins Stadion hinein verschwindet, durchfährt mich kurz der Schrecken, mich jetzt doch noch zu verlaufen. Doch das Gebüsch entpuppt sich wenige Schritte weiter als Stadioneingang.

Ein Blick nach links, und ich sehe das Ziel. Nicht mal mehr auf Tartan, sondern nur noch auf dem daneben freigegebenen Kunstrasen kann ich mich zum Laufen bewegen, eine Gerade entlang, dann … bin ich da. Unter 25 Stunden. Sonst weiß ich nichts mehr vom Zieleinlauf. Trinke ich was?  Jemand drückt mir mein Finisher-T-Shirt in die Hand, das ich reflexartig überstreife, dann lasse ich mich für die Vorher-Nachher-Serie eines anwesenden professionellen Fotografen ablichten. Gesichtsausdruck? Ich kann noch lächeln, aber eigentlich bin ich nur leer. Und total, total erleichtert.

Körperlich sind die ersten Minuten danach die Hölle. Mit steifen Beinen und auf Füßen, die bei jedem Fuß schmerzen, suche ich mir meine Dusch- und Wechselsachen zusammen, um „massagefein“ zu werden. Gegen den Muskelschmerz hilft die Massage nur bedingt, schlafen kann ich vor Schmerzen in den Beinen zunächst auch nicht, also raffe ich mich auf, um meine Beine kalt abzuduschen (ich hab’s mal probiert und es hilft nachhaltig…) Danach „Frühstück“. Ich stehe vor dem Büffet und mich durchströmt ein seltsames Glücksgefühl in Erwartung zweiter Vollkorn-Quarkbrote mit Marmelade. Andere Läufer gesellen sich dazu, die Schmerzen gehen nicht weg, aber die Lebensgeister kehren wieder. Hinter mir sortiert eine Helferin übrig gebliebene Schokoladentafeln. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, mir einfach eine ganze reinzutun (nicht wegen der Figur, sondern wegen der Unverschämtheit, als die das empfunden würde.

Roland schläft. Mittagessen, Siegerehrung bei Schwüle aber mit großem Stelldichein, unter anderem mit Schirmherr Rainer Eppelmann, dem Europaabgeordneten Michael Cramer (der den Mauer-Radweg initiiert hat) und der Mutter von Chris Gueffroy, letztes Maueropfer und Original zu dem Konterfei, das die Rückseite der Teilnehmermedaille ziert. Ich bewundere die Standhaftigkeit dieser Frau, die Person ihres Sohnes für einen solchen Zweck mit einzusetzen, auch andere (angenehm kurze) Ansprachen berühren mich zutiefst.

Danach? Schlafen, Bier (alkoholfrei) trinken, sich unterhalten, wie schön es ist, wenn Großes in Alltag überfließt.

Allerherzlichsten Dank an alle Organisatoren und Helfer. Als Sport- und Gedenkveranstaltung war dieser Lauf absolut genial und es mangelte an nichts!!!



14 Responses to “Berliner Mauerweglauf – Mein erster 100-Meiler (Teil 2)”

  1. Erst einmal Glückwunsch zum Durchhalten, wo ich sowieso der Meinung war, du würdest solche Distanzen NIE mehr in Angriff nehmen – oder irre ich mich ?

    Wie auch immer, du hast es geschafft, du hast du durchgebissen und erstaunlicherweise viele Details behalten und aufschreiben können – nur das zählt, tapfer geschlagen !!

    Die Schmerzen vergehen, aber du wirst immer stolz sein – und das NIE mehr, das kenne ich gut, darum kommt mir das NIE mehr nie mehr über die Lippen.

    Gute Erholung, bin gespannt, was du in ein paar Tagen, Wochen darüber denkst ! 8)

  2. 2 Christiane

    @Ultraistgut: Jetzt hast du mich aber ganz schön durcheinander gebracht mit deinen NIE-mehrs, die mal meine und mal deine und mal von dir zitierte meine sind – manchmal ernst gemeint und manchmal nicht! Mensch, das hier alles aus dem Gedächtnis aufzuschreiben, war echt Gehirnjogging genug.
    Ansonsten gilt: Es war entweder ein „Abschied mit Knall“ (vom Ultra) oder doch zumindest der erste und LETZTE 100-Meiler meines Lebens. Es gibt Grenzen, die kann man sich mal angucken. Aber man muss nicht systematisch darüber hinweggehen, jeden Tag, jedes Wochenende, jedes Jahr bei mindestens einem Wettbewerb.
    NIE wieder laufen werde ich natürlich nicht. Dazu ist es zu schön und zu einfach mit anderem zu kombinieren. Aber es gibt Pläne für andere Sportarten und Outdooraktivitäten, die mich jetzt mehr reizen .-)

  3. Die NIE-MEHRs bezogen sich auf Ultras, natürlich nicht fürs Laufen als solches.

    Du hast es ausprobiert, hast es am eigenen Leib gespürt, was es bedeutet und hakst es für dich ab, andere laufen diese Strecken einige Male im Jahr und bekommen immer noch nicht genug davon, andere laufen sie gar nicht, zum Glück entscheidet jeder selbst, was ihm gefällt oder nicht.

  4. 4 i.ku

    Ich seh dich schon die Eiger-Nordwand hochklettern… Denn irgendwie ist es doch auch so, hat man eine Grenze mit Erfolg überschritten, dann rufen die nächsten garantiert. Wir werden sehen!

  5. 5 Andreas

    Wirklich überwältigend, das so im Detail zu lesen. Danke für diese Einblicke in die Gedankenwelt der Ultraläufer, meine Ehrfurcht wächst gerade noch ein Stückchen! Und natürlich einen herzlichen Glückwunsch zu dieser enormen (Geiste- und Körper-)Leistung!

  6. 6 Thestral

    Du hast es also tatsächlich durchgezogen. Herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen ersten 100-Meiler! Riesenrespekt🙂 !
    Eigentlich zweifelte ich nie, daß du es packst. aber jetzt, hier, die Geschichte zu lesen – überwältigend.
    Vielen Dank fürs Mitnehmen 8) .
    Gute Regeneration
    lG
    Ralph

  7. 7 Patrick

    Herzlichen Glückwunsch zu deinem erfolgreichen Finish und den super genauen Bericht, ich hab mich gefühlt, als würde ich neben dir laufen und mit die leiden! Großartig!

    Erhol` dich gut und ganz viele Grüße,
    Patrick

  8. 8 Gerd

    Ich bin zu tiefst beeindruckt!
    Meinen aller größten Respekt und nochmals herzlichen Glückwunsch zu dieser Wahnsinnsleistung.
    Und das alles unter dem Gesichtspunkt das Dir dieser Sport zum Halse heraushängt!😉
    Erhole Dich gut und freue Dich an dieser grandiosen Leistung. Du hast es wirklich verdient!

  9. 9 Christiane

    @Patrick und Gerd:
    Danke für dioe Blumen, bezüglich des Laufs ebenso wie des Berichts. Ich glaube, das Schreiben darüber ist einfach meine Art, auch für mich selbst diese Sache zu verarbeiten. Mit Feedback wird das natürlich noch einmal erleichtert.
    Hoffe, den Bericht bald auch noch bebildern zu können !

  10. 10 Evchen

    Deinen Bericht hab ich gestern Abend noch gelesen und brauchte ein bißchen zum Einschlafen. Man versucht sich ja schon vorzustellen, wie es Dir ergangen ist, vergleicht es mit den (wenigen) Erfahrungen, die man selbst hat und-scheitert. paßt alles nicht.😉
    Meinen allerherzlichsten Glückwunsch, Christiane! Jetzt wünsche ich Dir eine gute Erholung und ein hoffentlich etwas druckvermindertes Herangehen an Sport.

    • 11 Christiane

      @Evchen:
      Dass du jetzt meinetwegen nicht schlafen konntest, beschämt mich etwas. Ein Ultralauf-Bericht soll doch kein Krimi sein. Den Ausgang habe ich ja sowieso schon verraten. Andererseits ist natürlich der Weg das Ziel. Und der ist im Rückblick selbst für mich schwer nachzuvollziehen ;-(

  11. Ich verneige mich und danke dir für diese tiefen Einblicke in die Gedankenwelt des, naja, wenn ich von „Ultra“ rede, wäre das noch untertrieben. Denn zwischen einem 50er und einem 100-Meiler liegen ja noch einmal Welten. Überwältigend und irgendwie auch sehr Beängstigend. Gewissermaßen ist es ja doch ein Leidensweg – ich würde da nicht unbedingt behaupten, dass du mir das Ultralaufen schmackhaft gemacht hast. Hin und wieder kann man froh sein, wenn das Leid so früh zu Ende ist🙂

  12. 13 Ralf

    Ich darf Dich selbst zitieren „etwas, dass den normalen Rhythmus überdehnt“ und Du hast es geschafft! Glückwunsch und tiefen Respekt.

  13. 14 Gerd

    Wunderbar ergreifend und detailliert geschrieben.
    Ich war so „verrückt“ mich für diesen Lauf im nächstem Jahr anzumelden und Berichte wie deiner helfen mir mich mental auf diesen Lauf vorzubereiten.


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