Ich laufe, ich laufe nicht, ich laufe, ich laufe nicht,…

01Nov11

Das mit dem Laufen ist ja so eine Sache. Bei mir, meine ich. Seit dem runner-up zu den 100 Meilen schwanke ich ständig zwischen zwei Extremen. Laufen ist der größte Sch… Und: Das (diesen Lauf, diese Sportart allgemein) will ich unbedingt machen.

Und als ob ich derzeit keine anderen, schwerwiegenderen Gedanken wälzen könnte, drängt sich das Thema Laufen immer wieder in den Vordergrund. Für mich allerdings nicht unvermittelt. Denn egal, was ist. Egal, wieviel ich auf diese Sportart geschimpft habe, die viele Zeit, die ich mit Laufen verbracht habe, bedauert und wieviel Tribut ich meinem Körper dafür bereits zollen musste: Irgenwas ist dran an dieser Sache, das mich gepackt hat, das mich fesselt, nicht mehr loslässt. Und das vielleicht im Moment auch so etwas ist wie eine Zuflucht.

Natürlich aus praktischen Gründen. Es gibt Momente im Leben, da setzt die geistige Verarbeitungskapazität einfach aus. Zum Beispiel, wenn ich nach einem langen Tag über meinen Texten und Daten nicht mehr lesen will – selbst platte Fernsehsendungen wären eine Überforderung für meinen herausgeforderten Geist. Dann ist es wunderbar, gerade auch in der jetzt anbrechenden dunklen Jahreszeit, in dieam Anfang etwas kalten Sachen zu schlüpfen. Die Schuhe zu schnüren, und schon bald umgeben mich Dunkelheit, der Duft vom gefallenem Laub und brennenden Kaminen und eine Wärme, die nicht rein körperlicher Natur ist.

Und dann auch im Großen. Denn Vieles, was ich kann, verdanke ich ebenfalls dem Laufen. Man wird zäh. „Geh nicht, gibt’s nicht!“ wird irgendwann zur normalen Herangehensweise. Wer mal den 32. Marathonkilometer überschritten hat und weiß, dass es keinen Rückweg gibt, kann auch andere Herausforderungen frontal anpacken. Wenn ich 15-Prozent-Steigungen laufend bewältigen kann (und das dann meist ebensoviel mit Willens- wie mit Muskelkraft), dann werde ich auch eine Strategie erdenken und durchziehen, wie sich ein schwieriges Denkproblem lösen lässt. Oder ein Gespräch mit einem Vorgesetzten oder eine Prüfung überstehen.

Und noch besser: Mit jedem Mal, wo man’s geschafft hat, wachsen Fähigkeiten und Vertrauen in sich selbst. Nicht ins Unermessliche. Dazu führt uns das Laufen auch die Möglichkeit von Rückschlägen viel zu regelmäßig vor Augen. Aber doch so weit, dass irgenwann alles einfacher wird im Leben. Erst am Donnerstag sagte ich zu einer Freundin: „Ich bin so zufrieden mit meinem Leben, ich denke nicht, dass mich im Moment Vieles aus der Bahn werfen kann.“ Und trotz dem derzeitigen Umstände kann ich sagen: Es stimmt. Ja, ich hatte ein paar schlaflose Nächte. Immer wieder taucht meine verstorbene Oma in meinen Gedanken auf, so als würden wir einfach demnächst etwas zusammen machen. Und dann mischt sich da ein weiteres, vielleicht noch unangenehmeres Problem dazwischen. Das alles braucht natürlich Denk- und Bewältigungsressourcen.

Dennoch: ICH lebe. Ich lebe gern, und irgendwann kommt ganz sicher wieder Sonnenschein. Wenn ich mir also heute über’s Laufen Gedanken mache, dann aus gegebenem Anlass: Es kam eine fb-Einladung zum Hexenstieg 200 Km! Und das ist doch toll, weil es in der Zukunft liegt, man sich selbst herausfordern kann, Land, Leute, Gemeinschaft, Natur erleben wird. Wie jeden Tag, wenn ich „da draußen“ unterwegs bin.

Deshalb: „Ich laufe.“ Selbst, wenn ich mal ein paar Tage nicht aktiv dazu komme.

 

 

 



5 Responses to “Ich laufe, ich laufe nicht, ich laufe, ich laufe nicht,…”

  1. 1 Evchen

    Ich führe jetzt mal Strichliste, wie viele „Hab ich doch gesagt/gewußt.“ kommen.😉

    Ja, ganz so übel ist das Laufen doch nicht, aber für Dich finde ich den Abstand zum absoluten Leistungsgedanken gut. Laufen kann vieles sein: Herausforderung, Kampf, Abenteuer, Arbeit, Mühe, Übersichhinauswachsen….Einmummeln, bei-sich-sein, Tackern.

  2. 2 Thestral

    Genialer Text!
    Mit so wenigen Worten bringst du alles rüber, was das Laufen bedeutet. Dankeschön🙂 !

    Es ist aber auch toll, daß du weiter läufst. Bei einem deiner letzten beiträge befürchtete ich schon, daß du das Laufen aufgibst. Viel Spaß und Erfolg bei deinem neuen Vorhaben🙂 !
    lG
    Ralph

  3. 3 Gerd

    Ein toller Beitrag in dem sich bestimmt viele wieder finden die das Laufen als Bestandteil ihres Lebens sehen. Denn das ist es bei Dir auf jeden Fall.
    Ob Du es willst oder nicht.😉
    Mache das Beste daraus. Es hilft auch schwierige Zeiten zu überstehen!

    Ganz liebe Grüße
    Gerd

  4. @Evchen: Nicht schlimm. Nur das mit dem Leistungsgedanken kommt von meiner Seite vielleicht etwas falsch rüber: Viele Ergebnisse haben sich „einfach so ergeben“…

    @Thestral: Vielleicht habe ich meinen Frieden mit dem Laufen gemacht. Weil mir klar geworden ist, was es mir und anderen auch jenseits etwaiger Podiumsplätze immer gegeben hat. Mußezeit nämlich!

    @Gerd: Wahre Worte. Ganz liebe Grüße zurück!

  5. Ja, das liest sich richtig gut – und ich kann (fast) alles auch für mich unterschreiben.

    Laufen verändert dich
    du wirst stark
    so stark, wie du nie vermutet hättest
    du traust dir mehr zu
    deine Schmerzgrenze wandert
    deine Dankbarkeit wächst
    und irgendwann willst du
    so wie ich
    nie mehr darauf verzichten

    Habe hier aber auch schon anderes gelesen – oder ?


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