Was der Ottonenlauf lehrte

06Aug12

Ich habe schlecht geschlafen in der Nacht auf vergangenen Samstag. Und das nicht nur – wie auf fb verkündet – weil ich immer Angst habe, den Wecker zu überschlafen, wenn ich sehr früh raus muss. Es war auch, weil ich an diesem Lauf bewusst teilnahm, um „es“ noch einmal auszuprobieren: Kann ich noch Ultra laufen? Wie weit komme ich? Welche Probleme tauchen auf? Und wie gehe ich mit den Gedanken ans Aufgeben um, bei denen – Sommerhitze und -schwüle, Anstiege und 70 Streckenkilometer vorausgesetzt, ja irgendwie doch zu rechnen ist?

Die Antwort ist auf den ersten Blick einfach, um es dann doch wieder nicht zu sein. Denn so mulmig es mir während der Anfahrt auch war: die Ultra-Familie erweist sich als solche, und alle, ob bekanntes Gesicht oder vor allem auch unbekanntes, nehmen mich offen und ermutigend (wieder) auf. Besonders freue ich mich, Anke (die eine Art „Konkurrentin“ ist) und ihren Partner Willi mal wieder zu sehen. Willi wird mich später sehr gut mental unterstützen.

Aber zunächst mal geht es – Startnummer dran und nochmal Pippi😉 – ganz gelassen auf die Strecke. Vom Tempo keine Ahnung hopse ich erst eine Weile neben Anke her, der ich aber aus für mich unerfindlichen Gründen bald voraus bin. Später werde ich erahren, dass sie von Magen-Darm-Problemen geplagt wurde, und bei Km 46 aufgeben musste.

Unterdessen laufe ich meinen Stiefel. Und wenn ich so etwas schreibe, dann wissen einige, die mich besser kennen: ich renne! Immer wieder lasse ich auch Männer hinter mir. Irgendwann habe ich zwei gefunden, die sich nicht mehr zu langsam anfühlen, und die auch einige Sicherheit beim Sprung über Wurzeln und matschige Stellen an en Tag liegen. Ich bleibe bei diesen „Spurern“, während die Klometerzeit sich langsam, aber kontinuierlich weit unter die 5 min/km schraubt. Ist das ein Problem? An sich nicht. Zumindest nicht, wenn man den Marathon vom Samstag davor shon verarbeitet zu haben meint. Und letztere Einschätzung war, denke ich, auch letztlich richtig.

Leider mache ich bald Bekanntschaft mit einem alten, aber nun in unbekannter Härte durchbrechenden Problem. Meine Fußballen brennen, und ich habe dort auch keine Blasen mehr. Ich habe Druckstellen, groß wie meine Handteller, und bei jedem Schritt ist es, als bohre jemand einen Schraubendreher in meine Fußsohle. Weil es solch einen Spaß macht, zwischen Matschpfützen, Stock, Stein und den Köpfen von Fußgängerstegen umherzuspringen, lasse ich jetzt auch noch nicht ab. Bald haben wir die ersteVerpflegungsstation bei Km 10 erreicht.

Mir geht’sgut, nur muss ich bereits jetzt „meine Füße lüften“, was wertvolle Zeit kostet, und im weiteren Verlauf zu einer nervigen, aber einzig erlösenden Routine werden wird. Die nächsten Verpflegungsstellen kommen alle unverhofft früh. Bei einer Pace von unter 5 kein Wunder. Bei 20 sagt Willi zu mir, dass ich noch immer einen großen Vorsprung hätte. Ich weiß – vielleicht signalisiere ich es ihm auch – dass ich diesen unter den gegebenen Umständen nicht werde halten können.

Immerhin sind wir dann schon bald in Alexisbad, Kilometer 24 steht an. Es gibt Brot mit Frischkäse, und ich vergewissere mich, ob es nun wirklich „in die Berge“ gehe. – „Ja, ist schön da oben“, erhalte ich zur Antwort. Ist es auch. Ich kenne die Strecke, muss mich den steilen, felsigen und von Wurzeln gequerten Pfad aber übervorsichtig hochtasten. Noch so ein Problem, das mit dem ersten wahrscheinlich ursächlich zusammenhängt: abgesehen davon, dass mir jedes Auftreten wehtut, rutsche ich auch noch in den (wie immer bei mir) zu weiten Schuhen hin und her. Keine guten Voraussetzungen, um auf einem steilen und technisch anspruchsvollen Bergpfad auf Tempo zu kommen.

Bald wird Kilometer 30 erreicht sein – und obwohl mir die Landschaft mit dem wunderbaren technischen Trail, dem satten Grün der Bäume und den gelegentlich zu erhaschenden Blicken ins Tal sehr gefällt, denke ich zum ersten Mal ans Aufgeben. Wäre es nicht unverantwortlich, hier aufgrund der Trittsicherheitsprobleme zu stürzen, gerade bergab? Da werde ich nach einem der zwei Felstunnel von der bisherigen Zweiten überholt.

Aber ich gebe nicht auf, kämpfe mich weiter vor, werde mit wunderbaren Blicken auf verlassene Lichtungen und schmale Pfade neben der Selke, dem Fluss, der dem „Selketalstieg“ und damit einem Großteil der Strecke den Namen gibt – belohnt. Ich „laufe auf den Marathon zu“, wie ich mir immer wieder sage. Zu meinem (nicht wirklichen!) Entsetzen werde ich ziemlich genau bei jenen neuralgischen 42 Kilometern von einer ganzen Reihe anderer Frauen überholt. Aber das ist nicht das Problem. Das liegt in dem Frust, der sich anstaut, wenn man sich fit und trainiert fühlt, und einem dann ein „Wehwehchen“ einen Strich durch die Rechnung macht.

Wir laufen durch ein langes Tal, es ist schwül, irgendwann eine Verpflegungsstation, ein paar Feriensiedlungen. Dann kommt uch gedanklich schon der nächste Fixpunkt in Sicht – Kilometer 48, in meiner pessimistisch-optimistischen Rechnung das Ende des zweiten Drittels des Laufes. Ab da geht es „nur noch bergab“. Zunächst ist da aber dieser Park bei Kilometer 46, ein Verpflegungspunkt, an dem ich kurz davor bin, mich ins Gras zu setzen und aufzugeben. Ersteres tue ich. Aber nachdem Willi mir sehr ins Gewissen redet, bleibt Letzteres aus. Stattdessen nimmt mich jetzt Björn mit, ein Bekannter von Anke und Willi und auch aus meiner Gegend, so dass wir uns einiges zu erzählen haben. Bei Kilometer 48, wir sind gerade eine Lichtung unter einer Schutzhütte hochgewalkt, verkünde ich stolz, dass nun laut meiner GPS-Uhr zwei Drittel geschafft sind. Björn hat schon nur noch „einen Halben“ auf dem Tacho.

Wir werden uns in der Folge noch mehrfach trennen und wieder treffen. Ich werde noch mehrfach meine Schuhe „lüften“ müssen, Björn zollt seinen Krämpfen Tribut und ärgert sich, dass es bei diesem vergleichsweise einfachen Lauf (es sind in Summe nur 420 Höhenmeter) bei ihm so schlecht läuft. Was mich wiederum beruhigt, nicht nur ich hadere also mit dem Faktor „Unberechenbarkeit“ auf der langen Strecke.

Was mich aber am meisten „zieht“, ist die Aussicht auf das Finish. Vielleicht wird es mein Letztes sein. Vielleicht werde ich – wie interessanterweise auch von Björn angemerkt – auf kürzere Strecken umsteigen (müssen). Vielleicht will ich auch einfach keine ganzen Tage mehr auf irgendwelchen Waldwegen und Trails verbringen, schon gar nicht „high speed“. Aber, und das sage ich mir immer wieder: diese 70 „Trainings“-Kilometer wird mir niemand mehr nehmen. Das grandiose Gefühl, angekommen zu sein. Das Wissen darum, es noch einmal geschafft zu haben.

In der Tat machen mir die letzten Anstiege kaum etwas aus. Als bei Kilometer 62 meine Garmin (erwartungsgemäß)  aussetzt, bin ich so gelassen wie nie. Irgendwie lassen ich mich treiben, das Ziel vor Augen und irgendwie auch die Gewissheit, mich ein Stück weit freigelaufen zu haben. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass „Gehen“ nicht automatisch „schlechte Leistung“ bedeutet. So etwas kann passieren, man kann seine Gründe haben, und ein Ultra-Finish ist und bleibt eine tolle Leistung. Und ich habe auch einmal mehr vor Augen geführt bekommen, dass man weitermachen kann lange nachdem man dachte, es ginge nichts mehr. Denn nur so schaffe ich die letzten Kilometer in der brüllenden Hitze einer asphaltierten Trasse. Gehen tue ich davon vielleicht 750 Meter, darunter den „letzten Berg“ – einen kleinen Anstieg neben der Landstraße.

Dann ist es ein bisschen ein Gefühl so wie fliegen. Im Kopf hadere ich noch mit dem Spruch von 4,5 Kilometer vor dem Ziel: „Es ist keine Schwäche, es ist bloß Faulheit.“ Bei mir ist es aber doch Letzteres, sage ich trotzig, und laufe weiter. Irgendwann dann der Kreisel (Kreisverkehr), von dem im Läuferfeld die Rede war. Dort steht noch einmal eine junge Frau, die einen ermuntert und der „dumme“ Spruch „1 Kilometer bis zum Ziel. Wer jetzt aufgibt, ist selbst schuld“ (oder so). es geht nur noch bergab. Schon überquere ich beim Streckenposten die Bundesstraße und befinde mich im Stadion. Stadionrunden kamen mir sonst immer unendlich lang vor. Diese schmerzt einfach nur, und zwar heftig wie nie.

Ich tue so, als wolle ich einen Spurt anziehen. Dabei blicke ich mit banger Überraschung auf die offizielle Uhr, von der ich nur die „7“ an der Stunden-Stelle erkennen kann. Nicht mehr hoffend, unter 8 Stunden zu finishen, denke ich, sie würde jede Sekunde auf „8“ umspringen. Aber das tut sie nicht, 7:55 Std. werde ich gebraucht haben. Empfang von Anke und Willi, der mir fürsorglich die Schuhe auszieht, als ich mich auf dem nahen Rasen niederwerfe.

Ich bin platt, aber ich hab’s (noch einmal) geschafft. Es folgt Braten in der auch ohne Bewegung wirklich heißen Sonne. Gespräche über meine Füße und was man „dagegen tun“ könnte. Björn kommt bald nach mir auch ins Ziel. Nach dem Duschen gönne ich mir dann Steak im Brötchen und Fassbrause (ein Lieblingsgetränk aus den neuen Bundesländern und keine Veniedlichung für „Bier“). Alles ist im Flow, so, wie es das vielleicht noch nie war.

Danke, Willi, danke, Anke, danke Björn und danke: der ganzen Ultra- und Orgafamilie!

 



4 Responses to “Was der Ottonenlauf lehrte”

  1. Gratuliere, liest sich gut – die Gedanken, die du unterwegs hattest, kommen mir sehr bekannt vor – du hast nicht das Handtuch geworfen, hättest es dir wohl auch kaum selbst verziehen – ultra ist gut – glaubst du, dass es dein letzter war ?

    Ich nicht !! 😉

    • 2 Christiane

      Hallo Margitta,
      wenn es mein letzter gewesen sein sollte, dann höchstens, weil sich die Verletzungs- oder Körperstatik oder was weiß ich für Probleme nicht in den Griff bekommen lassen.
      Sehr wahrscheinlich werde ich das Laufen aber mir geringerer Frequenz betreiben – dem Einzug neuer interessanter Sportarten in meinem Leben sei Dank😉
      Lg, C.

  2. … etwas erstaunt war ich tatsächlich Dich mit Schuh in der Hand am ersten VP stehen zu sehen. Kurz vorher warst Du an mir vorbeigezogen und machtest einen zuversichtlichen, recht bestimmten Eindruck. (Mir fallen solche Dinge auf, da ich mich anfangs immer xtrem bemühen & konzentrieren muss langsam zu bleiben – wenn das ganze Jungvolk an mir vorbeihoppelt, harhar).
    Du scheinst zu reflektieren, was bei Dir gerade vor sich geht oder im Umbruch ist. Da wirst Du garantiert einen Weg finden.
    Jedenfalls: Danke für diesen ausführlichen Laufbericht, hat sich unbedingt gelohnt zu lesen.

    Arnd

    • 4 Christiane

      Hallo Arndt,
      freut mich, dass dir der Bericht gefallen hat. Ich versuche immer ein bisschen, auf das Äußere und das innere Geschehen einzugehen.
      In der Tat weiß ich, was ich tue, ein 5:20er-Schnitt „über alles“ ist bei meinem Trainingszustand normalerweise drin. Blöd nur, wenn sich da eine äußerst schmerzhafte orthopädische Unzulänglichkeit bemerkbar macht. Bin dabei, mich drum zu kümmern😉
      Gruß
      Christiane


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