Über alle Berge!

29Aug12

Einigen von euch ist es villeicht nicht entgangen. Ich war dieser Tage im Urlaub. Und wer sich die Mühe gemacht hat, meine fb-Meldungen aus diesem Zeitraum in irgendeinen sinnhaften Zusammenhang zu bringen, ahnt auch schon, wohin die Reise ging: Österreich, Alpen, Berge.

Und ja, wir haben sie „überquert“ die Alpen. Haben das Auto in Zams (nach den ersten beiden, langweiligen Etappen der „offiziellen“ Alpenquerung) abgestellt, das Kauner-, Ötz- und Pitztal  teils schwindelerregender Höhe überwandert und schließlich bei der Similaunhütte (Niederjoch) den Alpenhauptkamm hinter uns gelassen. Damit lagen Vernagt und sein unwirklich türkiser Stausee uns zu Füßen. Ein Traum, das geschafft zu haben. Aber der Reihe nach:

Der erste Tag führte uns – laut Wanderführer „zum Kräftesammeln“ und von uns als ruhiger Auftakt geplant – von Zams über den Gipfelgrat des Venetberges in das kleine Dörfchen Piller.

Der Weg war uns von dem etwas verkorksten Versuch vergangenes Jahr mit meinen gerissenen Bändern bekannt. Mit dem schönen Wetter und der Weitsicht dieses Jahres wurden wir jedoch reichlich dafür belohnt, dem Wegabschnitt und der Wanderung als solcher eine zweite Chance zu geben:

Alpenpanorama vom Venetberg

Vom Venetberg eröffnet sich ein hervorrgendes Alpenpanorama

Ziege reibt ihre Hörner an Wegmarkierung

Manche haben für die Wegmarkierungen eine andere Verwendung

Nach einer Rast dann eine weitere Reminiszenz an den vergangenen Versuch: Beim Abstieg über eine Almwiese verliert sich der (äh: verlieren wir den) Weg. Das sind die Passagen, in denen ich wirklich den Hass kriege: scheinbar verloren, Insekten allenthalben und – man würde es kaum vermuten -laut „schlauen Büchern“ die gefährlichste Geländeart in den Bergen:

Almwiese mit Heuschober

Der Abstieg über die Almwiesen war nicht immer so flach und idyllisch wie auf diesem Bild.

Erschöpft und mit bereits ansatzweise wunden Füßen genießen wir in unserem neu-amerikanischen Domizil kalte Getränke und ein reichliches Abendessen.

Das ist auch nötig, denn am nächsten Tag heißt es, eine wahre „Feuertaufe“ zu bestehen. Die Etappe von Piller zur Verpeilhütte istmit 9:45 Std. reiner Gehzeit sehr lang. Gemeinsam mit einer Gruppe junger Österreicher aus Wien, die ebenfalls in Neu Amerika übernachten, beschließen wir deshalb, sehr früh aufzubrechen. Frühstück um halb 5, um 5 Uhr sind wir auf der Piste.

Sonnenaufgang über dem Kaunertal

Kann man ihn ahnen? Wir wandern in den Sonnenaufgang.

Dies ist eine kluge Entscheidung, denn ein Großteil der Etappe verläuft an sonnenbeschienenen Südhängen.

Aifneralm

An der Aifneralm gibt es um diese Zeit noch keine „Jause“. Nur die Kühe sind bereits unruhig, aus ihren warmen Ställen dringt das ungeduldige Läuten ihrer Glocken.

Südhang über dem Kaunertal im Schatten

Noch können wir uns im kühlenden Schatten von den steilen Passagen erholen.

Doch die Etappe enthält – neben ihrer änge und dem Verlauf an den heißen Südhängen – noch eine Tücke: Nach der „Galruttalm“ (nach 5:15 Std. Gehzeit) gibt es keine Einkehrmöglichkeit mehr.Auf der Alm pausieren wir aber nochmal ausgiebig: ein Aufstieg über Almwiesen, schmale, steile und ausgesetzte Bergpfade und nicht zuletzt über die imposanten Wurzen alter Bäume hat uns hierher geführt. Ich gönne mir Frankfurter Würstchen und einen Cappuccino. Aber auch Hollersaft (derklare Nektar aus den Blüten des Holunderstrauchs, verdünnt mit Wasser) erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Rast auf der Gallruttalm

Auf der Gallruttalm erholen wir uns vom anstrengenden ersten Teilstück der Etappe. Die aufgehende Sonne lädt zum ausführlichen „Rumfläzen“ ein😉

Leider ist man auf der Alm nicht sehr gastfreundlich (noch geschäftstüchtig). Ein Teil unserer Wiener Begleitung muss das Gelände verlassen, nachdem sie ihren ersten Hunger mit mitgebrachtem Proviant stillen wollten. Hieroben (und generell im süddeutschen Raum) doch eher eine verbreitete Praxis!

Camp der Ausgeschlossenen

Die ausgeschlossene Nachhut hinter den Toren der Gallruttalm.

Richtig dick wird es jedoch nun erst im direkten Kontakt mit der Natur kommen. Steile Serpentinen, von Gras voller krabbelnder, fliegender und hüpfender Insekten bewachsene Hänge und Naturtreppen, die von allgegenwärtigen Rinnsalen zu gefährlichen Stolperfallen werden, prägen das Anforderungsprofil.

Wandern durch steiles Gestrüpp

„Durch dieses Gestrüpp müsst ihr wandern!“

Steile, seilversicherte Felsrinne.

Auch steile Rinnen, die man nur dank Seilversicherung einigermaßen überwindet, prägen diesen Teil der Etappe.

Queren eines Geröllfelds

Als Nächstes geht es über ein Geröllfeld. Die Bäume verschleiern nur die Steilheit – und die Angst, die sowas beim ersten Mal bereitet ;-(

Serpentinen in der Prallsonne

Diese Serpentinen (20+, 400 Höhenmeter) sind wir bis zum Grat hochgestiegen.

Schöne Aussicht über das Kaunertal hin zu den Ötztaler Gletschern

Belohnung abermals: eine grandiose Aussicht.

Was man auf dieserEtappe jedoch nie sieht (und ich frage mich im Nachhinin, ob das psychologisch negativ oder positiv ist), ist die Hütte, bei der das Ganze endet. Denn diese (Verpeilhütte) liegt hinter einem weiteren Berggrat. Nach einer Rast im Hochtal, die uns allen wie eine Oase vorkommt (und wo wir am Brunnen auch nochmal unsere Flaschen und Trinkblasen füllen), machen wir uns so an die letzten 200 Höhenmeter Aufstieg für den Tag. Längs eines rauschenden Baches nehmen wir allen Mut und alle Motivation zusammen (und ich teste zum zweiten Mal meine Teleskop-Wanderstöcke). Irgendwie macht es im Angesicht des nahen Ziels nun wieder Spaß, in dieser beeindruckenden Natur zu sein. Kühlen tut hier allerdings trotz Baches nichts. Und so sind wir froh, bei einer Brücke einen nicht allzu austrainiert wirkenden Wanderer zu treffen, der uns verspricht, es seien „nur noch 10 Minuten“.

Brücke über reißenden Bach

Noch 10 Minuten und entsprechende Vorfreude auf den „Zieleinlauf“.

Als die Verpeilhütte dan endlich auftaucht, überrede ich den Wiener Mit-Wanderer, der ganz dicht bei mir ist, zu einem Zieleinlauf à la Ausdauertathlet. So erleichtert wie bei der Ankunft (wir bestellen gleich beide ein „Radler“) war ich selten.

Die Verpeilhütte

Die Verpeilütte ist wunscherschön gelegen. „Leider“ ist sie vom Parkplatz aus in einer guten Stunde erreichbar. Also nix mit der Ruhe der Berge…

Einige Minuten kann ich gar nichts tun, außer mich an meiner Radler-Flasche (Trübes mit Grapefruitgecshmack, soll der neueste Hit in den Alpen sein) festzuhalten, innerlich vor Freude und Erleichterung erschüttert zu sein und in ein trockes T-Shirt zu wechseln. Bald kommt Roland zusammen mit einem anderen Wiener „ins Ziel“. Wir wechseln und waschen unsere Klamotten und kühlen unsere Füße im eisigen Bach. Allen aus der Gruppe, die ankommen, machen wir eine „La Ola“.

Das Drei-Gänge-Menü (Backerbsensuppe, Spaghetti mit Tomatensauce, Quarkspeise) schlinge ich wie verrückt in mich rein. Danach merke ich, dass sich unterhalb meines rechten Knies eine „Beule“ gebildet hat. Sie schmerzt aber nicht bis auf die Spannung, die vom zu wenigen Platz herrührt.  Ich kühle das Knie liegestützender Weise im eiskalten Fließwasser des Baches, danach mit einem Tuch, danach geben mir die Österreicher, die mit einer kompletten Apotheke reisen, ein Pflaster mit Voltarensalbe für die Nacht und die Laien-Verdachtsdiagnose „Schleimbeutelentzündung“. Ich schlafe unruhig, habe eine für mich ungewöhnliche Angst, meinem Körper nachhaltig zu schaden.

Dennoch sind wir am nächsten Tag wieder auf der Piste. Und jetzt wir es richtig grandios und „hochgebirgig“. (Fortsetzung folgt.)



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