Aufstehen lohnt sich!

28Jan13

Dieses Gefühl kennen vielleicht einige Ultraläufer, aber auch Reisende: der Wecker klingelt. Für eine Nachteule wie mich, ist es dann in der Regel zu früh, und ich hadere mit mir, verfluche den Plan für ein großes Abenteuer, den ich in stolzer Ignoranz dieses schrecklichen Moments gemacht habe – und gönne mir dann doch nur ein „Schlummer“-Intervall. Dann werde ich irgendwie aktiv, Kaffee, letzte Utensilien zusammen suchen. Gestern war wieder so ein Tag. XXL-Mauerweglauftreff in Berlin, und zu allem Überfluss Glätte udn Eisregen für den Nachmittag angesagt. Beide werden nicht so hart treffen.

Dann sitze ich im Auto, düse über die A2, pünktliche Ankunft ohne Orientierungsprobleme in Spandau. Auf dem kleinen Platz detektiere ich einen Kiosk, der aussieh, als gäbe es dort Kaffee. Und als ich mich dorthin aufmache – es liegt Restschnee auf den Bürgersteigen, kommt mir bereits jemand entgegen, den ich richtigerweise als (Mit-)Läufer anspreche. „Ja, klar gibt’s da Kaffee!“ Ich gehe rein und werde auch vom Kioskbetreiber gleich als Läuferin identifiziert. Das überraschend starke Getränk wird im Becher serviert – nicht „zum Mitnehmen“. „Wenn du willst kannste ihn hier vorne trinken. Ich meine, du kannst auch nach hinten gehen, aber … da wird geraucht.“ Ne, alles klar, danke, lieber Kioskbesitzer. Also bleibe ich „vorne“, im historisch eingerichteten Verkaufsraum mit den überfauhohen Holzregalen, und bewundere, dass es von x Sorten Bier über Zeitschriften, von denen ich noch nichts gehört habe bis zu Tempo-Taschentüchern alles gibt. Ich trinke meinen Kaffee aus. Später werden wir darüber reden, wie freundlich die Menschen in Berlin sind.

Altmodischer Kiosk in Berlin

Dann geht es auch schon los. Ich entschließe mich, nicht mein gesamtes Gepäck dem Kombi aufzubürden, der unser Begleit- und Verpflegungsfahrzeug sein wird, nehme nur ein Wechsel-Untershirt und zwei dünne Windbreaker mit. Es ist nicht mehr so kalt wie die Tage, die Temperatur hat sich um 0 Grad eingependelt. Dann geht es los. Ein paar Wohnstraßen, die mich (wohl nur aus Nostalgie) an das Berlin der 100 Meilen erinnern (hier geht die Strecke nicht entlang), und wir erreichen einen Park, dann einen Spazierweg entlang eines Sees. Die als Parole ausgegebenen 6:45 pro Kilometer „schaffe“ ich nur bis zum ersten VP bei ca. KM 9. Dann schwatze ich mit 100-Meilen-Aspirantin Martina (stimmt’s :-|?), und die 6:00 sind bei Weitem keine Schallgrenze.

An einer Straßenkreuzung zweifelt jemand, ob hier der VP wäre. Ich denke es auch, doch das Begleitfahrzeug ist noch nicht da. Der VP wird dort auch nicht gewesen sein, er befindet sich ca. 3-4 Kilometer weiter durch einen Kiefernwald, hügelige Strecke bis dahin, in Kladow. Das unvergessene Kladow, wo wir bei den 100 Meilen im Garten bewirtet und ich sogar massiert wurde(n).

Die Kopfsteinpflasterstraßen sind holprig, doch ab jetzt laufen wir auf DEM Mauerweg, sprich, der 100-Meilen-Strecke. Ich erinnere einige Abschnitte, andere auch nicht. Dann auf Radwegen, Wegen zwischen Gartenlauben. Ich erzähle allen, die’s wissen wollen, von den Mücken. Dann „Grenzweg“, ich erinnere mich an den VP „Gartenlaube“, kann aber beim besten Willen nicht sagen, welche der mehreren rechts der Strecke es denn nun war. Das Gelände wird offener, Heide, Moor(?) Kiefernwäldchen, irgendwann queren wir dann wieder in einen Ortsteil von Berlin, Gehweg, links hässliche Ansammlungen von Discountern. Dann Mietskasernen. Unterdessen quatsche ich mit Bennie aus den Niederlanden, der 2013 die 100 Meilen angehen will. Außerdem lernen wir von einander das Wort „Schlittschuh“ („slankjes“) in der jeweils anderen Sprache😎

Die „Nur-Marathonis“ sind am VP bei Kilometer 28 ausgestiegen. Und steht jetzt eine hügelige Tour durch ein Kiefernwäldchen und dann wieder durch eine Siedlung bevor. Wie DAS nach über 100 Kilometern damals weh getan hat. Irgendwann sagt Bennie (ich trage die GPS-Uhr ja schon lange nicht mehr) „5:20 auf dem Kilometer“, ich versuche, im Schnee und bei den langgezogenen Hügeln langsamer zu werden, doch er sagt irgendwann „4:54“. C’mon, das Spiel kenne ich doch schon. Links von uns sieht man jetzt in engen Abständen die übrig gebliebenen Verankerungen der Mauer. Auch Informationstafeln und vor allem die orangefarbenen Stehlen, die an den Stellen stehen, wo Menschen an der Mauer ihr Leben verloren, fallen mir jetzt auf – und treffen mich innerlich mit voller Wucht!

Schneebedeckter Hügel

Gedenkstehle und Natur an der alten Mauer

Bei Kilometer 36 kündigt Jürgen, der geduldig und immer ermunternd den mobilen VP betreut, an, dass wir bei DEM Vorsprung gegenüber de Hauptgruppe den nächsten VP wohl verpassen werden. So beschließen Bennie und ich, etwas längr Pause zu machen, und dann langsamer weiter zu laufen. Dieses Mal gelingt es mir, doch 6:00 Min/km schlauchen mich. Als ein Läufern langsam, aber bestimmt an uns vorbeizieht, fühle ich mich abermals an die  100 Meilen erinnert. Dieses Mal mehr an das Gefühl dabei, vom Fleck zu wollen, „nach Hause“, aber nicht einschätzen zu können, wie lange wie schnell geht.

Nun ja, wir schaffen es, an der „Bürgerablage“ finden wir problemlos das Verpflegungsfahrzeug und biegen hier wieder vom Mauerweg weg, den Rückweg Richtung Spandau antreten. Ein paarmal werden wir uns verfransen, einmal die Richtung nur dank iPhone-Navi finden. Doch wir machen Meter, es geht mir wieder gut und wir unterhalten uns, während wir durch das winterlich graue Berlin rennen. Die Straße ist mehr als belebt, der Autoverkehr – aber auch die Menge der Fußgänger – nicht von schlechten Eltern. Dann laufen wir doch noch (auf der Strecke) an dem See entlang, den Bennie vom letzten Mal erinnert. Beeindruckt bin ich auch von den Häusern in der Altstadt.

Der See, schneebedeckt

Die Altstadt von Spandau im Vorbeilaufen

Ein paarmal müssen wir nun doch noch nach dem Weg fragen auf dem letzten Kilometer. Das liegt daran, dass unser Ziel jenseits eines Arms der Havel liegt. So habe zumindest ich im Kopf, dass wir eine wie auch immer geartete Brücke auch nicht verpassen dürfen. „Von hinten“ treffen wir schließlich wieder am Startpunkt ein, ich erkenne den Kiosk wieder und erinnere, dass ich genau hier gewendet hatte als klar war, dies sei der richtige, der gesuchte Platz. Wir laufen auf die Unterführung zu, wo Jürgen bereits wieder mit dem Begleitfahrzeug eingetroffen ist. Noch ein Stück weiter, dann zeigt Bennies Uhr 50 Kilmeter. Mission erfüllt! Schaum(neger)küsse verdient😉

Bahnunterführung und Ziellinie

Falls daran also noch Zweifel bestanden haben sollten – im Rückblick lohnt sich das Aufstehen. Fast immer!



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