Berlin, ganz in weiß

25Feb13

Eine Premiere sollte es werden und ein XXL-Lauftreff stand als Markenname sowieso drauf. Was uns Teilnehmer (gar nicht mal so viel weniger Frauen als Männer) aber dann auf dem „Großen Grunewald Trail“ geboten wurde, war ein Superlativ in vielerlei Hinsicht.

Für mich „Nachteule“ startete dieser wie immer mit der „gefühlt kürzesten Nacht“. Also ich dann endlich in befrühstücktem Zustand im Auto sitze, bin ich froh, losgefahren zu sei. Einen Parkplatz zu finden, ist in der Nähe des S-Bahnhofs „Nikolassee“ kein Problem, und auch mein Lebenselixir Kaffee ist überall zu annehmaren Preisen zu haben. Gut, dass Berlin nicht Paris ist.

Man kennt sich, man schätzt sich: kurzes Hallo untereinander, dann wird losgetrabt, und rechts sehen wird zum ersten Mal das Wasserwerk, das unser Ziel und unsere Aufwärm- und Duschgelegenheit werden wird. Doch bis dahin wird es noch ein langer und vor allem abenteuerlicher Weg sein. Wir traben, die Wohngebiete sind ungeräumt, im Wald liegt der Schnee mehr als Knöchelhoch. Alex warnt vor dem ersten VP – der bereits nach 5 Kilometern liegt – vor der Rutschigkeit der Strecke. Die bekommen wird dann gleich auf dem engen Trail lengs des Teltowkanals unter die Sohlen. Meine sind leider ohne Profil, mit einem folgenlosen Ausrutscher schlage ich mich wacker. Linker Hand gleiten dumpf ein paar Binnenschiffe vorbei dahinter immer wieder gediegen wirkende Wohnhäuser. Die Hunde zerren an ihren Leinen. Fotos gibt es von diesem Abschnitts unter Androhung eines Abgleitens ins Eiswasser keine :-p

Dann geht es weiter – Villenviertel von Potsdam, irgendwann kommt der Wannsee wieder in Sicht, Ufer, vor denen Yachten wie Festungen aufgetürmt sind. Schließlich die Glienicker Brücke, breit, lang, imposant, links und rechts zu erahnen das grau-schwarze Wasser unter eben solchem Asphalt. Doch es ist bekanntes Gebiet. Spätestens, als wir nach etwas über 20 Kilometern den S-Bahnhof „Wannsee“ erreichen, kommt eine Erinnerung zurück: an Kaffee, an zu wechselnde Schuhe und zu massierende Beine nach 63 von 161 Kilometern. Aber auch an Sonne und Musik aus JoJos Truck. Heute muss der Kaffee selbst angerührt werden. Und ich benötige wirklich jeden der bislang 3 Verpflegungspunkte, um meine offenbar geplünderten körperlichen Reserven notdürftig zu füllen. Einige „Sonntagsläufer“😉 verlassen hier die Truppe mit der U-Bahn. Mit einem Taxifahrer scherze ich, dass mit uns kein Geld zu verdienen soll.

Boote am Wannsee

Die Verbliebenen – von vielleicht 35 sind es noch 20 – traben langsam wieder an. Straßen, Gehwege. Als Andreas Deák bald darauf hinweist, dass das Wasserwerk nun linker Hand sei, frage ich mich etwas länger, ob ich mir das heute wirklich antun will. Wohlgemerkt: wir haben kaum 25 Kilometer auf dem Tacho. Dann biegen wir in den Wald ein, es geht hoch, runter und zwischendurch ist es glatt wie nichts Gutes. Schade, dass mich bisher kein Hersteller mit der Passform seiner Trailschuhe überzeugen konnte – hier und heute hätte ich sie wirklich mal gebraucht. Ich habe keine GPS-Uhr um und weiß nicht, wie schnell wir uns bewegen. Jedenfalls habe ich an dieser Stelle nichts gegen Gehpausen, auch wenn kurze, knackige Anstiege und Treppen, die Trails unterbrechen meinem heimatstädtischen Trainingsterrain sehr genau entsprechen. Den anderen scheint es ebenso zu gehen. Ab und zu verlaufen wir uns leicht  – trotz oder wegen GPS. Denn geht es „kehrt Marsch“, und der Trek ermüdender, aber motivierter Läufer macht sich wieder auf den Weg. So trotten wir über Trails, erhaschen ab und zu einen Blick auf den großen Wannsee, der nun einige Meter unter uns links dunkel und geheimnisvoll daliegt. Außerdem macht das geflügelte Wort die Runde, nach dem der Trail da ist wo „kein Weg ist, und es bergauf geht“ – wir würden darauf zurückkommen. Vorerst gibt es jedoch eine ungemütliche Mittagspause an der Havelchaussee, bei der uns Schneeregen mal so richtig zeigt, wie Stillstand zur kalten Hölle werden kann:

VP an der Havelchaussee

Und wieder ab in den Wald. Den Einstieg verfehlen wir im ersten Anlauf, kommen dann aber auf die Faustregel „steil und unsichtbar“ zurück, was zum Erfolg führt. Leicht erhöht, See links, Bäume rechts geht es weiter, Wald, Trails, zunehmend tiefer Schnee. Erwähnte ich, dass meine Schuhe und Socken inzwischen durchgeweicht waren? Dennoch war dies vielleicht das schönste, weil abenteuerlichste Stück. Wer jetzt noch dabei war, hatte mehr als geahnt, worauf er oder sie sich eingelassen hatte. Außerdem scheuten wir uns jetzt nicht mehr unbedingt, Gas zu geben, wenn vor einem Hügel das unsichtbare Schild „Gas geben“ stand. So kam es zum Spurt auf den Grunewaldturm. Auch für Kleinodien am Wegesrand hatte die Truppe noch (oder wieder) ein Auge:Gruppenbild mit Schneepaar

Beim VP am Haus Schildhorn dann, einem Parkplatz nur leicht zurückgesetzt vom Wannsee, dann der erste Angriff auf die Moral. Es ist Alex, selbst vom Autofahren und Verpflegung ein- und wieder auspacken sichtlich angeschlagen/durchgefroren, der den Vorschlag macht: Nach der nächsten Etappe habt ihr Marathon, das ist bei der Strecke auch ne Leistung. Und als ob der Gedanke ans Aufhören nicht schwer genug zu verdrängen wäre bei Schneeregen von oben, hohem Schnee von unten, gelegentlichem Verlaufen und allerlei Ultraläufer’s Geplage, fügt er hinzu: Und jetzt kommt auch noch der Teufelsberg und der Drachenberg auch noch davor – könnt ja gucken, ob ihr danach noch weiter wollt. Zu seiner Ehre muss man hinzufügen: er bietet von Anfang an an, auch für eine/n von uns die Verpflegung aufrecht zu erhalten.

Wir wenden uns wieder dem Wald zu. Wird die Strecke jetzt noch schöner, noch abenteuerlicher? Wahrscheinlich ist es die Verlockung des Aufgebens, die zurückzudrängen jetzt so motiviert. Nach einigen langen Strecken im Wald, die neuralgischen Berge immer linker Hand, geht es endlich bergauf. Allerdings zunächst neben der Linie, die auf dem GPS-Gerät unsere Strecke anzeigt. So entschließt sich Trek-Leiter Andreas irgendwann, uns quergebüschein eine leichte Steigung hochzuschicken. Stöhnen, Unmut? Wer weiß das schon.

Quergebüschein am Teufelsberg

Als wir den Weg wieder haben, der sich auch immer noch wunderschön trailig die Flanke entlang schlängelt, packen mich der Ehrgeiz und meine berg-übliche Motivation. Ich laufe, werde schneller, folge eine Mitläuferin und einem Mitläufer, die mir zwischenzeitlich davongeflogen sind. Dann stehen wir oben mit der Radarstation in Sichtweite. Bald kommen hinter uns auch di etwas langsameren „Ü50er“ in den Blick, kaum keuchend, aber doch warnend, wir müssten wieder hinunter und dann noch auf den Drachenberg. Als wir nach einem herrlich-abenteuerlichen Bergabtrail vor der schroffen Flanke dieser weiteren Berliner Erhebung stehen, kommt mein Mut zurück: „Was, das ist alles?“ denke ich mir. Dass mein rasanter Aufstieg ein paarmal gestoppt wird, verdanke ich einzig meinen glatten Schuhsohlen. Konditionell war dies kein Auftrag, wie man so schön sagt. Trotzdem feiern wir die Ankunft oben zwischen ein paar verwunderten Rodlern als „Gipfelsieg“ – Foto inklusive!

Gipfelsieg am Drachenberg

Wir schlängeln uns die Nordwestflanke herab. Der Weg ist so steil und vor allem so glatt, dass die einzige Möglichkeit ist, in Kehren fast quer zum Gefälle zu laufen. Ein bisschen durch den Wald und dann durchs Wohngebiet, dann treffen wir Alex wieder. Ich esse, was hineinpasst und trinke Brühe und Apfelschorle – heißes und kaltes. Ein Teil der Truppe wird uns hier verlassen, mit der U-Bahn die letzten Etappen absolvieren. Doch sechs Wackere machen sich auf den weiteren Weg, der jetzt an sich unspektakulär weiter verläuft. Wald, Trail, die Faustregel „steil und unsichtbar“ gilt selbstredend weiter!

Was sich als schwierig erweist, ist, Alex und sein Verpflegungsfahrzeug im Ausfallstraßen-Gewirr um „Onkel-Toms-Hütte“ wieder zu treffen. Wir denken, planen, fürchten schon, den letzten Verpflegungspunkt auslassen zu müssen, als wir unseren wackeren Begleiter doch noch am (eigentlich auch verabredeten) Punkt antreffen. Bis dahin allerdings war es eine grandiose Jagd: auf ein bisschen mehr Tempo, über wirklich fetzige Waldwege und ein bisschen auch hinter Alex her, den wir aus anfänglicher Resignation bereits über handy-technische Umwege abbestellt zu haben glaubten…

Treffen auf die Zivilisation

Vielleicht hätte ich etwas außer Kaffee zu mir nehmen sollen, doch für derlei Bedauern ist es nun auch zu spät. Ein Mitläufer hat uns noch nach über 50 gelaufenen Kilometern am letzten VP verlassen. Wackere 5 – darunter 2 Frauen😎 – schlagen sich also jetzt noch durch den Grunewald und die winterlichen bis matschigen Wohnviertel des Berliner Südwestens. Einmal verlaufen – Schlachtensee. Wir „gehen ab“. Ich frage mich langsam, wie weit die angegebenen sechs bis sieben Kilometer wohl noch sein mögen. Da heißt es „kehrt“, falscher Weg. Gefetzt wird aber weiterhin, die Treppen hoch, ein winziges Stück durch den Wald, eine Spitzkehre, die wir auslaufen, obwohl wir durchs wegdurchzogene Gebüsch abkürzen könnten. Dann meine ich, einen Ort wiederzuerkennen, an dem im mich am Morgen mit dem Auto verirrt hatte. Und dann der Straßenname. Am Gehweg steht links von mir mein Auto. Ich zögere, doch der Ehrgeiz, dieses „Ding“ jetzt ganz fertig zu laufen, besiegt alles. Hinter den anderen hinterher, zwei Ampeln und den S-Bahnhof linker Hand, fliegen wir nun dem Ziel entgegen. Ein Gartentor, eher wie aus Unachtsamkeit offen stehend, dahinter ein Durchgang, ein Flur, altes Gebäude mt Linoleumboden. So kann ein Ziel der Träume ausseehen.

Danke, Mauerweglauftreff. Es war mal wieder wunderbar!



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