Das fast perfekte Rennen, Teil 2

11Okt13

Dritte Etappe: Die dritte Etappe startet bei ziemlichem Regenwetter hinter bzw. unter der Jugendherberge Weiskirchen. Wie ich es gar nicht mag, geht es erst ein Stück des Weges vom Vortag wieder zurück, aber das ist wohl unvermeidbar, um zurück auf den „Steig“ zu gelangen. Zügig erreichen wir schöne Single-Trails, ich habe Läufer vor mir und um mich herum, und gebe stellenweise ganz schön Gas. Wem das leider nicht gefällt, sind meine Seiten, da, wo die Rippen aufhören. Mein Rucksack scheuert so stark, dass ich mich entschließe, ihn mitsamt Wasservorrat, Energiereserven, Mobiltelefon (inkl. Kamera!) und vor allem auch der Wegbeschreibung des Organisators am ersten VP zurück zu lassen.

Ich weiß nicht, ob es diese Entscheidung ist, die ich bereue. Es geht weiter auf Single Trails, manchmal kommt die Energie zurück, aber meist verlässt sie mich. An einem knackigen Anstieg vor de Grimburgerhof stopfe ich mir den einzig verbliebenen Ernergieriegel-Brocken rein. Dann kommt glücklicherweise der VP. Irgendwie meine Rettung, aber irgendwie auch nicht, denn mir ist schlecht, ich weiß nicht, was ich zu mir nehmen soll. Na gut, es gibt Brühe und ein paar Stücke Brioche müssen auch rein.

Dann geht es durch den Wald, und es rollt. Als uns der Wald wieder ausspuckt, sind wir am Biberdamm und haben laut Auskunft von Martin erst 23 Kilometer auf dem Zähler. Eine Überspülung, die folgt, verlässt keiner von uns mit trockenen Füßen. Das Terrain ist leicht, dafür höre ich einen Schuss (wir rennen durch eine Treibjagd), und ich werde mir auch den Fuß ganz schön verknacken.

Dann ein schöner Waldweg, den Regen nehme ich durch das dichte Blätterdach der Bäume gar nicht wahr. Aber ist DAS die Stelle, wo wir (rechts oder links?) vom Steig ab müssten? Dicke weiße Pfeile und Flatterband in jede Richtung. Ich suche, halte mich auf, rufe, schreie – niemand meldet sich. Dann entscheide ich mich, einen Hang hoch auf dem Steig zu bleiben. Bald aus dem Wald heraus, geht es in ineinander verschlungenen Quadraten über Wiesen und Felder. Ich bin der festen Überzeugung, vom Weg abgekommen zu sein. Und so langsam wird mir das auch, egal, da mir das Suchen auf den Nerv geht und ich einfach nur laufen will.

Doch dann die wirklich knifflige Stelle. Der Weiterweg ist durch eine gepunktete Linie deutlich „gesperrt“. Ich laufe dennoch dem Pfad entlang, in den Wald hinein, finde dann wieder Markierungen der vom Organisator „handgemachten“ Art, und laufe so im Kreis. Dass Bernhard in dem Moment mit dem Auto um die Ecke biegt, rettet mein Finish auf dieser Etappe. Doch der Weg dahin ist noch beschwerlich, 2 Kilometer Wendepunktstrecke mit reichlich Steigung. An diesem Tag kann ich es kaum glauben, als ich zusammen mit Jörg die Jugendherberge erreiche. Und leider nach dem Duschen merke, wie schmerzhaft mein Umknicker vom Vormittag wirklich war.

Vierte Etappe: Einmal mehr schlecht geschlafen, und das nicht mal so sehr wegen des verdrehten Fußgelenks. Einfach die Frage im Kopf, ob ich eine weitere Etappe überstehe. Die Lust, dieses „Ding“ nach drei als erste Frau gefinishten Etappen gewinnen zu können gegenüber dem Wunsch nach einem Genusslauf.

Das Wetter hat sich gebessert, und so werde ich richtig darauf spekulieren, dass heute mein Rucksack weniger scheuern wird. Nun ja, es geht seeeehr verhalten los, die ersten 10 Kilometer wieder zurück auf bekannten Pfaden bis zum Biberdamm, wo es noch einmal nasse Füße für alle (bis auf die mit GoreTex-Socken) gibt. Meinen verknacksten Fuß merke ich nur am Anfang, und hier natürlich vor allem auf den vom Regen noch rutschigen Bergabpassagen. Bald bin ich am ersten VP durch (und mache ob dieses Anlasses innerlich 3 Kreuze), da kommen auf einmal Boris und Michael, die führenden Männer, von hinten. Und es sollte nicht der letzte spektakuläre „Verläufer“ des Tages bleiben. Auf Single Trails geht es weiter, bald ist der Losheimer Stausee und damit der zweite VP erreicht. Leider auch erst 16-17 Kilometer. Ich bin etwas missmutig, komme für meinen Geschmack zu langsam voran.

Dann verlaufe ich mich, von einer langen Trasse im Wald geht ein dünner Pfad ab, aber die Trasse selbst ist mit dicken weißen Pfeilen markiert. Ich trabe also 250 Meter in die falsche Richtung, plus 250 zurück macht schonmal einen halben Kilometer mehr. Ich komme zwar auf Single Trails und über Felder gut voran, werde aber auch von einigen Männern überholt, die die Tage zuvor gar nicht so weit vorn liefen. Egal, deren Tempo kann ich nicht mitgehen, also halte ich meins: ab und zu bergan mal gehen, Berg runter schön laufen lassen, dazu immer das Mantra „konzentriert“ in den Gedanken bewegen.

Wegweiser nach Trier

Der Wald spuckt mich aus. Über Felder, kein Mensch zu sehen vor mir oder hinter mir. Die Kilometer bis Trier sind laut Wegweiser schon nahe an der 20, da werde ich irgendwie übermütig, folge einem langen Feldweg, und merke meinen Irrtum erst, als Karl und Jörg scheinbar querfeldein hinter mir vorüber ziehen. Nun warte ich – verzweifelt ob meiner abnehmenden Orientierungskünste – auf die Nachfolgenden. Es sind die Ulmer mit Sylvia mehr oder weniger im Schlepptau. Derart versichert, jetzt auf dem richtigen Weg zu sein, gebe ich Gas die Wiese runter bis zum nächsten VP und auch darüber hinaus.

Darüber hinaus finden sich die mit schönsten Single Trails der Gesamtstrecke. Auf und ab, schön im Wald, teilweise unterbrochen durch regelrechte Kletterpassagen, wo man schon nicht mehr sieht, wer 50 Meter vor einem läuft. Hier überhole ich Jörg und Karl bleibt auch ab einem bestimmten Punkt in Sichtweite. Beim Dörfchen Madlach erreichen wir das Ruwertal und auch den letzten VP. 12 bis 14 Kilometer sollen es ab hier noch sein. Ich nehme Cola und Banana – beides hatte ich auf dem gesamten Lauf bis dahin noch nicht. Auch fülle ich gemäß Bernhards Geheiß meine Trinkblase.

Dann verschwinde ich nach einem kurzen Asphaltstück gefühlt im Dschungel des Ruwerufers, bevor es „mit Ansage“ einen drei Kilometer langen Gegenanstieg hinaufgeht. Karl bleibt in Sichtweite, oben auf der Kuppe weide ich mich in dem Gefühl, es geschafft zu haben, denn laut Wegbeschreibung geht es ab hier „wirklich nur noch bergab“.

Auf der Kuppe

Was soweit stimmt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass das Ziel sich etwa in Sichtweite befindet. Vielmehr geht es über Wiesen und durch kleine Wäldchen bis an den Stadtrand von Trier, wo oberhalb von Weinbergen ein sehr langes Stück auf einem sehr steinigen Weg zurückzulegen ist. Genieße ich den Ausblick? Ich kann mich nicht daran erinnern.

Am Trimmelter Hof, wo der Steig endet, dann eine gute und eine böse Überraschung. Die gute: es gibt hier nochmal Getränke. Die schlechte: es sind noch (immer) 5 bis 7 Kilometer bis zum Ziel. Und die werden lang, weil langweilig. Hübschere Wohnstraßen in den Vororten, weniger hübsche zum Zentrum hin, dazwischen Schrebergärten, über denen noch einmal die Hitze flirrt, und ein schier endlos erscheinendes Stück an der Mosel. Als sie dann vor mir liegt – und es sind keine 650 Meter wie auf einem Schild angegeben – kann ich den Anblick der Jugendherberge irgendwie kaum fassen. Habe ich es wirklich geschafft?

Immerhin: Von 4 Etappen war ich viermal als erste Frau im Ziel. Damit bin ich auch die Gesamtsiegerin bei den Damen geworden. Und dies alles war möglich, weil ich meine Gaben richtig eingesetzt und meine Schwächen (wie immer laufen wollen, zu schnell angehen, über Schwächesignale hinweglaufen) gut im Zaum gehalten habe. Und am Folgetag hat mir das ewige Herumlaufen sogar etwas gefehlt



One Response to “Das fast perfekte Rennen, Teil 2”

  1. 1 Martin

    Deine Berichte animieren so, selbst laufen zu gehen.. – schade, dass es hier so wenige andere Leser / Kommentierer zu geben scheint… – ich lese hier immer wieder und immer wieder gerne…
    Weiter so
    LG
    Martin
    PS: Die Bergfortsetzung fehlt imer noch😉


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